Adventskalender 2025
Es ist soweit. Die wunderbare Adventszeit geht los und Wichtel Alfred ist zurück.

Wichtel helfen
Alfreds Abschied bis zum nächsten Jahr
Am 28. Dezember war es still geworden rund um den Adventskalender. Die kleinen Türen standen alle offen. Kein Knistern mehr am Morgen, kein neugieriges Ziehen an Griffen, kein Flüstern: „Was ist heute drin?“ Nur der Kalender selbst stand noch da – ein bisschen leerer als vorher, aber auf eine gute Art.
Alfred saß davor und ließ die Beine baumeln. Er mochte diese Tage nach Weihnachten. Wenn nichts mehr vorbereitet werden musste. Wenn alles, was passiert war, einfach da sein durfte. Die Geschichten, das Lachen, das Staunen in den Gesichtern der Kinder, die jeden Tag ein kleines Stück nähergekommen waren. Er hatte sie gesehen. Die Kinder mit roten Nasen. Mit Mützen, die verrutscht waren. Mit Augen, die größer wurden, sobald sie vor dem Kalender standen. Manche ganz leise, manche kaum zu bremsen. Manche nur kurz, andere jeden Tag.
Alfred lächelte.
Und dann dachte er an etwas anderes. An das, was geblieben war, nachdem die letzte Tür geöffnet worden war. 1290 Euro. Er sprach die Zahl leise vor sich hin, als müsste er sie prüfen. 1290 Euro – gesammelt durch Geschichten, Türen, Neugier und offene Herzen. 645 Euro für jedes der beiden Projekte. Alfred nickte langsam. Das war viel. Nicht nur als Zahl. Sondern als Zeichen. „Das ist richtig gut“, murmelte er. Und meinte damit nicht nur das Geld.
Er wusste: Diese Weihnachtszeit war schön gewesen. Nicht laut, nicht perfekt, aber echt. Mit Menschen, die stehen geblieben waren. Mit Kindern, die gewartet hatten. Mit Erwachsenen, die mitgemacht hatten, manchmal heimlich lächelnd, manchmal genauso gespannt.
Alfred stand auf und klopfte den Staub von seiner Hose. Er ging noch einmal am Kalender entlang, legte kurz die Hand auf das Holz, so als würde er sich verabschieden. „Danke“, sagte er. Zu wem genau, wusste er selbst nicht so genau. Vielleicht zu allen ein bisschen. Dann nahm er seinen Mantel und seine bereits gepackten Koffer.
Bevor er ging, griff er – ganz automatisch – an sein Gesicht. Seine Brille war weg. Alfred seufzte, dann lachte er leise. „Ich komm ja wieder“, sagte er beruhigend. Mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst. Und irgendwo, ganz sicher, lag sie schon bereit. „Bis nächstes Jahr.“ Und so machte sich der kleine Wichtel Alfred auf den Weg zurück in sein Wichteldorf.
Unser Wichtel Alfred ist mal wieder ohne Brille unterwegs. In jedem Miniaturbild hat er sie irgendwo liegenlassen.
Kannst du sie entdecken?
24. Dezember 2025
Bereit zum Abheben
Alfred stand ein wenig abseits und zog seinen Mantel enger um sich. Es war kalt, aber nicht unangenehm. Diese besondere Kälte, die nur der Abend vor Weihnachten kannte. Die Luft war klar, fast still, als würde sie selbst den Atem anhalten.
Vor ihm lag die Startbahn. Sie war lang, gerade und hell erleuchtet. Kleine Lichter markierten ihren Rand, warmes Gold links und rechts, bis sie im Dunkel des Waldrands verschwanden. Über der Bahn hing ein leiser Glanz, als hätte jemand Sterne ganz tief heruntergeholt und ordentlich verteilt. In der Mitte stand der Schlitten. Der Schlitten. Er war angespannt, geschniegelt, überprüft. Die Kufen glänzten, die Gurte saßen fest, nichts hing schief. Vier Rentiere standen davor, nebeneinander, ruhig, aber angespannt. Ihre Atemwolken stiegen gleichmäßig auf. Sie scharrten nicht, zappelten nicht. Sie wussten, was gleich passieren würde. Alfred kannte diesen Moment. Jedes Jahr war er anders – und doch immer gleich.
Er ging langsam an der Startbahn entlang, prüfte ein letztes Mal die Lichter. Eins flackerte kurz, fing sich wieder. Gut. Er klopfte an die Seite des Schlittens, nicht fest, eher vertraut. Ein Zeichen, kein Test. „Alles klar“, murmelte er. Die Rentiere hoben die Köpfe. Eines schnaubte leise. Ein anderes schüttelte kurz das Geweih, dann standen sie wieder still. Vier Paare Augen, wach und konzentriert. Alfred atmete tief durch. Er dachte an die letzten Tage. An das Lesen, das Basteln, das Warten. An Schnee, den er gemacht hatte, weil er fehlte. An Geschichten, die sich selbst schreiben wollten. An all die kleinen Dinge, die dafür sorgten, dass dieser Moment jetzt möglich war.
Die Startbahn war kein gewöhnlicher Ort. Sie sah aus wie ein Flughafen – aber sie klang nicht so. Kein Dröhnen, kein Rufen. Nur leises Summen der Lichter, das Knacken von Holz, das Atmen der Rentiere. Und irgendwo ganz hoch oben das ferne Funkeln des Himmels. Alfred ging zum Rand der Bahn und blieb stehen. Von hier aus konnte er alles sehen. Den Schlitten. Die Rentiere. Den Anfang der Strecke, die gleich keine mehr sein würde. Dann ein Lichtwechsel. Die Bahn leuchtete heller. Nicht grell – eher einladend. Die Rentiere spannten sich an. Kein Befehl war nötig. Sie kannten den Ablauf besser als jeder Plan.
Alfred hob die Hand. Nicht zum Stoppen. Zum Grüßen. „Gute Reise“, sagte er leise. Der Schlitten setzte sich in Bewegung. Erst langsam, dann schneller. Die Kufen glitten über die Bahn, als gehörten sie genau hierhin. Die Lichter zogen vorbei, wurden zu Linien, zu Glanz. Die Rentiere liefen an, kraftvoll, gleichmäßig, wie ein einziger Körper. Und dann – ganz plötzlich – war da dieser Moment, in dem der Schlitten nicht mehr wirklich den Boden berührte. Ein leichtes Heben. Ein kurzes Schweben. Dann hob er ab. Der Schlitten stieg, ruhig und sicher, die Rentiere zogen ihn mühelos in den Himmel. Kein Ruck, kein Stolpern. Nur Bewegung nach oben. Die Bahn lag unter ihnen, kleiner werdend, bis sie nur noch ein leuchtender Streifen war.
Alfred stand still, bis der Schlitten nur noch ein Punkt war. Dann auch der verschwand. Die Lichter der Startbahn dimmten sich langsam. Eins nach dem anderen. Als hätten sie ihre Aufgabe erfüllt. Alfred atmete aus. Er drehte sich um, wollte gehen – und blieb stehen. Er griff an sein Gesicht. Hielt inne. Griff noch einmal. Seine Brille war weg. Alfred schloss kurz die Augen. Dann lachte er leise. „Natürlich“ sagte er ruhig. „Auch an Heiligabend.“ Er sah sich um. Auf der Bahn. Am Rand. Neben den Lichtern. Irgendwo hier lag sie bestimmt. Und wenn nicht – dann hatte sie sich eben selbst auf den Weg gemacht. So wie alles andere auch.

23. Dezember 2025
Das Buch, das nicht still blieb
Alfred liebte seine kleine Bibliothek. Sie war nicht groß, aber sie war genau richtig. Die Regale reichten bis knapp unter die Decke, die Bücher standen dicht an dicht, manche schief, manche doppelt, manche so alt, dass sie beim Öffnen leise seufzten. Es roch nach Papier, Holz und einem Hauch Staub, dem guten, freundlichen Staub, der Geschichten bewahrte. Heute hatte Alfred sich bewusst Zeit genommen. Keine Listen, keine Reparaturen, kein Training, kein Backen. Nur Lesen. Er setzte sich in seinen Sessel, legte ein dickes Buch auf den Schoß und schob seine Brille zurecht. Emil ließ sich neben dem Sessel nieder und legte den Kopf auf Alfreds Fuß, als hätte er beschlossen, dort für den Rest des Abends zu bleiben. Lina nahm gegenüber Platz, so, dass sie sowohl Alfred als auch die Tür im Blick hatte. Bibliothekswache, wie immer.
Das Buch trug keinen Titel. Kein Goldrand, keine Schrift. Nur ein kleines, eingeprägtes Symbol auf dem Einband: ein Schlüssel. „Na gut“, murmelte Alfred und schlug es auf. Schon die ersten Seiten waren seltsam. Die Schrift stand nicht ganz still. Manche Wörter wirkten, als würden sie leicht verrutschen, sich neu ordnen, als wären sie noch nicht sicher, wo sie hingehörten. Alfred runzelte die Stirn, las weiter – und merkte, wie still es plötzlich geworden war. Zu still. Emil hob den Kopf. Lina spitzte die Ohren. Im Buch ging es um einen alten Wichtelpfad, der nur dann sichtbar wurde, wenn jemand wirklich hinsah. Alfred las langsamer. Konzentrierter. Und dann passierte es: Ein leises Rascheln kam aus dem Regal hinter ihm. Alfred hielt inne. „Das stand da eben noch nicht“, murmelte er und blätterte zurück. Die Seite hatte sich verändert. Ein ganzer Absatz war neu. Und darin stand, sehr deutlich:
Wenn du das liest, bist du schon mittendrin.
Emil stand auf. Lina ging ein paar Schritte Richtung Regal, schnupperte und blieb abrupt stehen. Ihr Fell stellte sich leicht auf. Plötzlich rutschte ein Buch aus dem Regal und fiel auf den Boden. Dann noch eins. Und noch eins. Nicht laut, nicht hektisch. Eher gezielt. Als würde jemand Platz schaffen. „Also gut“, sagte Alfred ruhig, obwohl sein Herz etwas schneller schlug. „Dann eben spannend.“ Er stand auf, das Buch fest in der Hand. Emil stellte sich neben ihn, Schulter an Bein. Lina ging ein Stück voraus, aufmerksam und wachsam. Gemeinsam folgten sie dem schmalen Gang zwischen den Regalen. Das Buch wurde schwerer. Oder Alfred bildete es sich zumindest ein.
In der hintersten Ecke der Bibliothek entdeckte Alfred etwas, das vorher nicht da gewesen war: eine kleine Tür. Niedrig, aus dunklem Holz. In der Mitte – ein Schlüsselsymbol. Genau wie auf dem Buch. „Natürlich“, murmelte Alfred. Er kniete sich hin und hielt das Buch an die Tür. Es klickte leise. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Dahinter lag Dunkelheit und ein Flüstern, das klang wie umgeblätterte Seiten. Emil schnupperte, trat einen Schritt zurück, dann wieder vor. Lina setzte sich direkt vor die Tür. Ich zuerst, sagte ihre Haltung deutlich. „Gemeinsam“, sagte Alfred leise. Sie traten ein.
Der Raum dahinter war klein, aber hoch. In der Mitte schwebte ein einzelnes Buch. Offen. Die Seiten flatterten wild, obwohl es keinen Wind gab. Wörter lösten sich, schwebten durch die Luft, setzten sich neu zusammen, nur um gleich darauf wieder auseinanderzufallen. „Das Buch schreibt sich selbst“, flüsterte Alfred. Kaum hatte er das gesagt, beschleunigte sich das Flattern. Die Wörter prallten beinahe gegeneinander. Die Luft vibrierte leise, wie kurz vor einem Gewitter. Ein neuer Satz erschien hastig auf der Seite:
Die Geschichte weiß nicht, wie sie enden soll.
Emil setzte sich direkt unter das Buch und blickte nach oben. Lina umrundete den Sockel in der Mitte des Raumes und schnupperte an einer Stelle, an der der Boden ungewöhnlich warm war. Dort glomm ein schwaches Licht, kaum sichtbar, wie ein vergessenes Wort.
„Es sucht etwas“, sagte Alfred leise. Das Buch reagierte sofort. Ein Wort löste sich, fiel herab und zersprang in kleinere Buchstaben. Die Seiten flatterten nun unruhig, fast verzweifelt. Emil bellte einmal kurz. Nicht laut, nicht erschrocken, sondern bestimmt. Als würde er sagen: Jetzt reicht’s. Lina stupste das glimmende Licht mit der Nase an. Es flackerte auf, wurde heller und formte ein einziges klares Wort: Gemeinsam. Alfred verstand.
Er legte eine Hand auf den Sockel, die andere vorsichtig an das Buch. Emil rückte näher und berührte mit der Pfote den Rand. Lina setzte sich so dicht daneben, dass ihr Fell fast die Seiten streifte. „Du musst nicht alles allein schreiben“, sagte Alfred ruhig. „Geschichten entstehen nicht, weil sie perfekt sind. Sondern weil jemand dabei ist.“ Einen Moment lang geschah nichts. Dann verlangsamte sich das Flattern. Die Wörter kehrten zurück. Die Seiten glätteten sich, als würden sie aufatmen. Ein letzter Satz schrieb sich langsam, sauber, eindeutig:
Die Geschichte endet, wenn sie geteilt wird.
Mit einem leisen Puff schloss sich das Buch und sank sanft auf den Sockel. Die Tür öffnete sich wieder. Dahinter lag die Bibliothek, so still wie zuvor. Zurück in seinem Sessel schlug Alfred das ursprüngliche Buch zu. Der Schlüssel auf dem Einband war verschwunden. „Ich glaube“, sagte er nachdenklich, „das reicht für heute.“
Er griff nach seiner Brille. Und griff ins Leere. Er tastete an sein Gesicht. Blinzelte. Sah sich um. „Nein“, sagte Alfred langsam. „Nicht schon wieder.“ Emil sah ihn an. Lina legte den Kopf schief. Alfred seufzte und begann zu suchen, zwischen den Büchern, unter dem Sessel, neben der Tür. Die Bibliothek schwieg unschuldig. Und irgendwo zwischen all den Geschichten lag ganz sicher Alfreds Brille
und hatte beschlossen, noch ein bisschen weiterzulesen.

22. Dezember 2025
Der erste Zug
Alfred hatte alles vorbereitet. Das Schachbrett stand exakt mittig auf dem Tisch, die Figuren ordentlich ausgerichtet, die Könige gerade, die Springer mit Blick nach vorne, als wüssten sie, dass heute etwas auf dem Spiel stand. Daneben lag die Schachuhr. Nicht eingeschaltet, sie lag dort mehr aus Prinzip als aus Notwendigkeit. Alfred wartete. Er wartete gern, wenn das Warten einen Sinn hatte. Und heute hatte es den: Dominik würde kommen. Zum Schachspielen. Es war der erster Ferientag, keine Termine, keine Eile. Genau die richtige Zeit für ein Spiel, bei dem man besser denkt, als redet. Lina lag neben dem Tisch und schnarchte leise. Emil saß etwas weiter hinten, aufrecht, mit diesem Blick, der sagte: Ich passe auf alles auf, auch wenn niemand darum gebeten hat. Alfred legte eine alte Schallplatte auf. Eine von den wirklich alten. Sie knackte kurz, dann setzte Musik ein, die ein bisschen klang, als hätte sie schon viele Winter gesehen. Alfred nickte zufrieden. Das passte.
Es klingelte. Dominik stand in der Tür der Familie, direkt neben dem Kalender. Die Jacke halb offen, die Schuhe noch nicht ganz ausgezogen. „Ich bin da“, sagte er, als hätte Alfred ihn sonst übersehen können. „Gut“ sagte Alfred. „Das Brett wartet schon.“ Dominik grinste und setzte sich. Er betrachtete die Figuren ernsthaft, so ernst, dass Emil kurz ein Auge öffnete und prüfte, ob das hier eine wichtige Angelegenheit war. „Schwarz“, entschied Dominik schließlich. „Passt“ sagte Alfred. „Mutige Entscheidung am ersten Ferientag.“ Der erste Zug war ruhig. Kein Bauernopfer, kein unnötiger Angriff. Alfred beobachtete, Dominik dachte. Lina rückte näher an den Tisch, als hätte sie vor, jeden Zug zu kontrollieren. Einmal schob sie beinahe mit der Nase einen Läufer an, zog sie dann aber empört zurück, als hätte sie sich selbst beim Regelbruch erwischt.
Emil hob den Kopf, als Dominik eine Figur schlug, ließ ihn wieder sinken und beschloss, dass Schach eindeutig kein Spiel für Hunde war – außer vielleicht, um ein wenig auf einer der Figuren etwas herumzukauen. Zwischendurch stand Alfred auf, wechselte die Schallplatte und kam mit einem Kopfnicken zurück. „Achim aus Hamburg kommt heute Abend“, sagte Dominik und schob seinen Springer nach vorne. Alfred zog eine Augenbraue hoch. „Der Achim?“ „Der Achim!“ „Dann haben wir einen passenden Gegner für eine Revanche“, sagte Alfred trocken und schlug im nächsten Zug genau den Springer, den Dominik gerade bewegt hatte. Dominik stöhnte. Emil öffnete beide Augen. Lina setzte sich aufrechter hin. Es war spannend geworden. Sie spielten weiter. Ruhig, konzentriert, mit gelegentlichen Kommentaren wie „Das war mutig“ oder „Das war…interessant.“
Als die Partie endete, war es draußen bereits dunkel. Kein klarer Winterabend, eher dieses graue Dämmerlicht, das Dezember gern verteilt. Alfred räumte die Figuren ein, Dominik half. Niemand sprach über Sieger oder Verlierer. Das war bei guten Partien nie nötig. Man hörte draußen plötzlich ein Auto und dann im Flur Stimmen. Taschen wurden abgestellt. Der Besuch aus Hamburg war angekommen. Dominik verabschiedet sich, mit dem Versprechen, dass man sich die nächsten zwei Tage noch sehen werde. Alfred trat einen Schritt zurück, wollte etwas sagen – und griff ins Leere. Er tastete an seine Jacke. An den Tisch. An das Regal. Er blinzelte. „Nein“, sagte er langsam. Dominik sah ihn an. „Was?“ Alfred seufzte, sah auf das Schachbrett, dann zu Emil und Lina. „Meine Brille.“ Alfred schüttelte den Kopf. „Schach gespielt, Musik gehört, Besuch vorbereitet und die Brille hat offensichtlich beschlossen, nicht teilzunehmen.“

21. Dezember 2025
Alfreds wundersame Schneelandschaft
Alfred hatte kaum geschlafen. Nicht, weil etwas gefehlt hätte, sondern weil etwas zu sehr da gewesen war: Erinnerungen. Seit gestern, seit dem Bügeln, seit dem Blick auf die Winterlandschaft an der Wand. Schnee, der nicht nass war. Kälte, die klar machte. Ruhe, die blieb und Schritte, die unter den Füßen knirschen. Als Alfred sich im Wichteltürchen aufrichtete, war es draußen noch grau. Kein Frost. Kein Knirschen. Nur dieses gleichmäßige, matte Licht eines Dezembers, der sich nicht entscheiden konnte und doch sehr nass war.
Der kleine Wichtel schaute durchs Fenster zu Emil und Lina. Emil lag eingerollt in seinem Körbchen und Lina auf dem Sofa, hatte den Kopf auf die Pfoten gelegt. Alfred blieb einen Moment am Fenster sitzen. Dann atmete er tief ein. „So“, sagte er leise. „Genug gewartet.“ Er stand auf, ging zurück in seinen Kalender, zog seinen Mantel an und trat in den mittleren Bereich des Wichteltürchens Nummer 21. Hier war Platz. Hier hatte er schon oft Dinge verändert, repariert, vorbereitet. Und manchmal – wenn es nötig war – auch erschaffen.
Denn Alfred war ein Wichtel. Und Wichtel konnten Dinge möglich machen, die sich nicht ankündigten und Menschen nicht konnten. Er schloss die Augen. Er dachte an Schnee, der fällt, an Kälte, die einen an der Nasenspitze berührte und an Stille, die aber nicht leer wirkt. Er dachte einfach an einen schönen Winter, der einfach da ist. Die Luft veränderte sich. Erst kaum merklich. Dann deutlicher. Es wurde klarer, kälter. Und schließlich begann es zu schneien, kein Sturm, kein Spektakel, einfach Schnee. Die Flocken legten sich auf den Boden des Türchens, auf die kleinen Tannen, auf die Bank, auf den Rand der Fenster. Der Raum wirkte sofort größer. Weiter. Ruhiger.
Emil sprang entschlossen auf und auch Lina erhob sich. Beide kamen sofort zu Alfreds Türchen. Sie hatten gehört, dass heute etwas anders war. Der Dalmatinerbub setzte eine Pfote in den Schnee, zog sie wieder zurück, setzte sie erneut hinein. Lina folgte langsamer, prüfender. Sie schnupperte, schnaubte leise und entschied dann: Das ist richtig, das wird lustig. Alfred lächelte.
An der Wand lehnten Ski und mittendrin stand bereits der Schlitten, kein großer, kein glänzender, aber gut gebaut. Er war stabil und ehrlich. Alfred zog ihn hervor, stellte ihn auf den frischen Schnee und prüfte die Kufen. Sie glitten sofort. „Gut“ murmelte er. Emil rannte los, zog eine weite Runde durch den Schnee und kam zurück, als hätte er etwas Wichtiges überprüft. Lina folgte ihm, hinterließ saubere Spuren, drehte sich einmal im Kreis und schüttelte sich gründlich.
Alfred setzte sich auf den Schlitten. Die Hunde blieben daneben, beobachtend, und begleiteten ihn. Er stieß sich ab. Der Schlitten glitt. Nicht schnell, aber gleichmäßig. Alfred zog die Füße leicht an, ließ sich treiben. Emil lief voraus, sprang zur Seite, tauchte wieder auf. Lina hielt das Tempo, mal links, mal rechts, immer aufmerksam. Alfred fuhr Runden. Kleine Bögen. Längere Geraden. Er ließ den Schlitten ausrollen, stieß sich neu ab, lachte leise, als eine Kurve enger wurde als gedacht.
Der Schnee knirschte. Genau so, wie er es vermisst hatte. Zwischendurch hielt er an, setzte sich in den Schnee, ließ die Kälte durch die Handschuhe kriechen. Emil setzte sich neben ihn, Lina legte sich kurz ab, stand wieder auf und stupste Alfred mit der Nase an, als wolle sie sagen: Noch mal. Und Alfred fuhr weiter. Er fuhr, bis seine Beine müde wurden. Bis der Schlitten langsamer wurde. Bis der Schnee Spuren zeigte, die blieben. Irgendwann blieb er stehen, stellte den Schlitten ab und sah sich um. Das Wichteltürchen war nicht mehr grau, es war Winter. Ein gemachter Winter, ja – aber ein toller. Emil ließ sich fallen. Lina setzte sich daneben. Beide zufrieden, sie hatten so viel Spaß.
Dann kniete sich Alfred in den Schnee und begann, kleine Kugeln zu formen. Emil beobachtete das interessiert, stupste eine der Kugeln vorsichtig mit der Nase an und ließ sie prompt auseinanderrollen. Lina hingegen setzte sich direkt davor, als müsse sie aufpassen, dass alles seine Ordnung behielt. Schließlich standen zwei kleine Schneemänner nebeneinander. Sie waren nicht besonders groß, nicht besonders rund, aber eindeutig fröhlich und passend für dieses Türchen. Alfred setzte ihnen winzige Zweige als Arme ein, Emil ließ einen Stein fallen, der eher zufällig genau richtig lag, und Lina beschloss, dass ein Schneemann ohne schiefen Kopf kein echter Schneemann sei und stupste einen von beiden leicht an. Alfred lachte leise und rückte ihn wieder zurecht. So blieben sie stehen: zwei kleine Schneemänner, ein bisschen krumm, aber zufrieden, genau wie sie selbst.
Alfred atmete tief durch. Dann griff er an sein Gesicht, Leere. Er blinzelte, tastete noch einmal. Sah sich um. Schnee. Spuren. Schlitten. Hunde. Seine Brille war weg. Alfred seufzte, schüttelte den Kopf und lächelte gleichzeitig. „Natürlich“ sagte er ruhig. Dabei dachte er kurz an seinen Urlaub im Allgäu und erneut kam ihm ein „Natürlich“ mit einem großen Grinsen im Gesicht über die Lippen. Der Winter war da und die Brille konnte warten.

20. Dezember 2025
Bügeltag
Der 20. Dezember begann langsam. Nicht verschlafen, sondern bedacht. Alfred hatte sich extra Zeit genommen, denn heute wartete eine Aufgabe, die keine Eile vertrug. Der Anzug des Weihnachtsmannes lag sorgfältig über das Bügelbrett gelegt. Rot, schwer, vertraut. Ein Stoff, der Geschichten kannte. Jede Falte erzählte von einem Jahr voller Wege, voller Abende, voller Begegnungen. Alfred stellte das Bügeleisen an, wartete, bis es heiß genug war und begann. Langsame Bewegungen. Gleichmäßiger Druck. Kein Ruck, kein Ziehen. Der Stoff musste mitarbeiten dürfen.
An der Wand hing ein Bild. Eine Winterlandschaft. Tief verschneit. Hohe Tannen, deren Äste sich unter der Last bogen. Ein Himmel so klar, dass es fast kalt aussah. Alfreds Blick wanderte immer wieder dorthin. Er blieb mit dem Bügeleisen kurz stehen. So hatte sich Winter angefühlt. Wenn Schnee fiel, wurde alles leiser. Geräusche verloren ihre Schärfe. Schritte verschwanden. Selbst Gedanken wurden langsamer. Alfred erinnerte sich daran, wie der erste Schnee früher kam entschlossen, zuverlässig, ohne langes Zögern. Dieses Jahr hingegen war anders. Nass. Grau. Regen, der kam und ging, ohne etwas zu verändern. Kein Knirschen unter den Füßen. Keine klare Kälte. Nur dieses ewige Dazwischen. Alfred schob das Bügeleisen weiter über den Mantel. Die Falte verschwand. Er seufzte leise.
Neben ihm lagen Emil und Lina. Sie hatten sich früh neben dem Arbeitsbereich niedergelassen. Emil lag ausgestreckt, den Kopf auf den Pfoten, die Augen halb geschlossen. Lina saß aufrecht, aufmerksam, aber geduldig. Sie wussten, dass Alfred Zeit brauchte. Und sie wussten auch, dass danach etwas Schönes wartete. Der Wald. Alfred drehte den Mantel vorsichtig. Ärmel, Saum, Rücken. Immer wieder wanderte sein Blick zum Bild an der Wand. Er stellte sich vor, wie sie durch frischen Schnee gingen. Emil vorne, Lina etwas dahinter. Spuren im Weiß. Atemwolken in der Luft. Er verlor sich einen Moment in diesem Gedanken.
Das Bügeleisen stand still. Lina räusperte sich leise. Nicht fordernd. Nur erinnernd. Alfred lächelte und bewegte das Eisen weiter. „Schon gut“, murmelte er. „Ich bin ja da.“ Die Hose war als Nächstes dran. Schwerer Stoff. Der Bund verlangte Aufmerksamkeit. Alfred arbeitete sorgfältig, ohne zu drücken. Er dachte an vergangene Winter, an klare Nächte, an Tage, an denen Schnee alles einfacher machte, weil er alles langsamer machte. Emil hob kurz den Kopf, als Alfred die Hose wechselte, legte ihn dann wieder ab. Lina beobachtete das Kabel des Bügeleisens, entschied sich aber dagegen, ihm zu misstrauen. Heute war ein ruhiger Tag. Stück für Stück wurde der Anzug glatt. Nicht perfekt, perfekt war etwas für neue Dinge. Dieser Anzug durfte Spuren haben. Aber er musste bereit sein.
Als Alfred den Kragen bügelte, blieb sein Blick erneut am Bild hängen. Er stellte sich vor, wie es wäre, wenn es morgen schneite. Einfach so. Still. Über Nacht. Er lächelte bei dem Gedanken. Dann war er fertig. Alfred stellte das Bügeleisen aus, ließ es abkühlen und hing den Anzug ordentlich auf. Er trat einen Schritt zurück, betrachtete sein Werk. Ruhig. Zufrieden. „So“, sagte er leise. Emil öffnete beide Augen. Lina stand sofort auf. Das war das Zeichen. Gleich würden sie gehen. In den Wald. Auch ohne Schnee. Frische Luft war frische Luft. Alfred griff nach seiner Jacke. Dann hielt er inne. Er tastete in die Tasche. In die andere. Legte die Hand auf das Bügelbrett. Auf den Tisch. Er blinzelte. Die Brille. Er sah sich um. Boden. Stuhl. Neben dem Bild an der Wand. Nichts. Emil setzte sich auf. Lina legte den Kopf schief. Alfred atmete aus und schüttelte den Kopf.
„Natürlich“, sagte er ruhig. „Ausgerechnet jetzt.“ Er sah noch einmal zum Winterbild. Schnee. Klarheit. Übersicht. Dann blickte er wieder in den Raum, der eindeutig weniger übersichtlich war. „Dann eben ohne“, murmelte er. Emil stand auf. Lina wedelte leicht. Der Anzug hing bereit. Der Wald wartete. Und irgendwo – ganz sicher – lag Alfreds roségoldene Brille und hatte beschlossen, heute nicht mitzukommen.

19. Dezember 2025
Alfred und das widerspenstige Geschenk
In der Wichtelwerkstatt roch es an diesem Morgen nach Papier, Tannenzweigen und einem Hauch Zimt. Alfred stand mitten im Geschenkelager, die Ärmel hochgekrempelt, die Mütze leicht schief – ein sicheres Zeichen dafür, dass heute ein arbeitsreicher Tag war. Heute war Einpack-Tag. Der wichtigste Tag von allen, wie Alfred fand. Denn ein Geschenk ist erst dann wirklich ein Geschenk, wenn es sorgfältig eingewickelt, mit Schleife versehen und mit einem guten Gedanken versehen ist. Der Boden der Wichtelwerkstatt war an diesem Morgen kaum noch zu sehen. Überall lagen Papierrollen, Geschenkband, kleine Anhänger, Stifte, Kärtchen und einzelne Päckchen, die darauf warteten, endlich fertig zu werden. Alfred saß mittendrin, im Schneidersitz, die Beine leicht eingeschlafen, aber zufrieden. Er packte Geschenke am liebsten auf dem Boden ein. Dort hatte er Platz. Dort konnte er alles ausbreiten. Und dort war er den Geschenken näher als an irgendeinem Tisch.
An den Wänden der Werkstatt ragten große, stabile Regale bis fast unter die Decke. In jedem Fach standen bereits fertige Pakete: klein, groß, rund, eckig, bunt, schlicht. Jedes einzelne sorgfältig eingepackt und ordentlich gestapelt. Alfred liebte diesen Anblick. Ordnung im Regal bedeutete Ruhe im Kopf. Er griff nach dem ersten Geschenk, rollte ein Stück Papier aus, legte es glatt, faltete die Kanten sauber und band eine Schleife darum. Fertig. Das Paket wanderte ins Regal. Fach links oben. Genau passend. So ging es weiter. Geschenk für Geschenk. Alfred summte leise, während seine Hände wie von selbst arbeiteten. Er dachte an die Menschen, für die die Pakete bestimmt waren, und schrieb zu jedem eine kleine Nachricht. Manchmal nur ein Satz, manchmal ein paar Worte mehr.
Dann nahm er dieses eine Geschenk. Es sah harmlos aus. Mittlere Größe. Nicht schwer. Nicht unförmig. Alfred legte es auf das Papier, faltete, zog das Band fest. Plopp. Das Papier sprang auf. Alfred blinzelte. „Na gut“, murmelte er und versuchte es erneut. Fester. Sorgfältiger. Plopp. Wieder offen. Er wechselte das Papier. Dann das Band. Dann beides. Er drückte die Kanten glatt, hielt das Paket einen Moment fest und ließ los. Plopp. „Das ist jetzt nicht dein Ernst“, sagte Alfred und setzte sich aufrechter hin.
Genau da hörte er das vertraute Klackern von Krallen. Emil und Lina kamen um die Ecke geschlendert. Emil vorneweg, neugierig wie immer. Lina etwas langsamer, mit diesem Blick, der alles gleichzeitig beobachtete. Emil schnupperte an den Papierrollen. Lina setzte sich neben Alfred und betrachtete das widerspenstige Geschenk. Plopp. Emil schnaubte leise. Lina legte den Kopf schief. „Ihr seht es doch auch, oder?“, fragte Alfred. „Das Geschenk will nicht bleiben.“ Emil stupste das Paket vorsichtig mit der Nase an. Es klappte wieder auf. Das schien ihn zu amüsieren. Lina dagegen blickte Alfred an, als würde sie etwas erwarten. Alfred sah sich um. Papier. Band. Schere.
Dann fiel sein Blick auf die leeren Kärtchen, die noch unbeschrieben neben ihm lagen. Er hielt inne. „Oh.“ Langsam nahm er das Geschenk in die Hand. Kein Anhänger. Keine Nachricht. Kein Name. „Natürlich“ sagte Alfred leise. „Du hast ja noch gar keine Worte.“ Er nahm ein Kärtchen, setzte sich bequemer hin und schrieb. Ruhig. Bedacht. Keine großen Sätze, aber ehrlich. Dann befestigte er die Karte am Geschenk. Noch einmal wickelte er Papier darum. Band. Schleife. Das Paket blieb geschlossen. Alfred atmete auf und lächelte. „Manchmal“ sagte er zu Emil und Lina, „halten Dinge nur zusammen, wenn man sich wirklich Mühe gibt.“
Emil nieste. Lina legte sich zufrieden neben ihn. Der Nachmittag verging schnell. Alfred packte weiter Geschenke ein, eines nach dem anderen, und stapelte sie sorgfältig in den Regalen. Die unteren Fächer füllten sich zuerst, dann die oberen. Die Werkstatt wurde ruhiger, voller, fertiger. Als das letzte Geschenk verstaut war, streckte Alfred sich und griff nach einer Rolle Geschenkband. Emils Ohren gingen sofort hoch. „Ja, ich weiß“, sagte Alfred grinsend. „Du auch.“ Er hielt das Band hoch und schwang es leicht durch die Luft. Emil sprang los. Lina ebenfalls. Alfred lachte und drehte sich im Kreis, das Band wie ein Lasso in der Hand. Emil versuchte es zu fangen, rutschte aus, Lina sprang elegant darüber hinweg.
Das Band schlängelte sich über den Boden, um Alfreds Beine, kurz um Emils Hals (locker, ungefährlich), dann wieder frei. Alfred ließ es bewusst zu, ließ sich mitziehen, lachte laut, als Emil triumphierend das Ende erwischte. „Ihr seid unmöglich“, sagte er und meinte es liebevoll. Als sich alle drei schließlich keuchend auf den Boden setzten, lag das Geschenkband zerknüllt zwischen ihnen. Die Regale standen voll, die Werkstatt war still. Alfred griff nach seiner Brille. Nichts. Er tastete neben sich. Hinter sich. In seiner Tasche.
Keine Brille. Er schaute die beiden Hunde an. „Ihr beiden, ich hatte heute schon extra meine goldene Ersatzbrille dabei und schon wieder ist sie weg.“ Emil bellte einmal kurz. Lina sah ihn prüfend an. „Ich weiß“, sagte Alfred trocken. „Nicht mein Stil.“ Aber er lächelte. Denn alle Geschenke waren eingepackt.

18. Dezember 2025
Alfred und der SchlittenTÜV
Der 18. Dezember war kein Tag für Improvisation. Alfred wusste das, noch bevor er die Werkstatt betrat. Es war einer dieser Tage, an denen alles stimmen musste – nicht ungefähr, nicht „wird schon“, sondern wirklich. Heute kam der Schlitten-TÜV. Der Schlitten des Weihnachtsmannes stand mitten in der Werkstatt. Aufgebockt, ausgerichtet, geschniegelt. Alfred war seit dem frühen Morgen dabei, jedes Detail zu prüfen. Er arbeitete leise, konzentriert, ohne große Gesten. Wer glaubte, ein Schlitten halte allein durch Magie, hatte noch nie bei Sturm auf halber Höhe des Nordhimmels eine Kurve nehmen müssen.
Der Prüfer vom Schlitten Technischen Übelwetter-Verband war bekannt für seine Gründlichkeit. Er nahm keine Rücksicht auf Tradition, Alter oder Gefühl. Ihn interessierten nur Fakten: Belastbarkeit, Sicherheit, Verhalten bei Schnee, Eis, Seitenwind und Rentierlaunen. Alfred zog die letzte Schraube an der linken Kufe nach und wischte sich die Hände an der Hose ab. Er war vorbereitet. Hoffte er. Emil und Lina lagen am Rand der Werkstatt. Emil döste halb, Lina beobachtete Alfred aufmerksam. Sie hatten schnell gemerkt, dass heute ein Arbeitstag war. Kein Chaos, kein Spiel. Zumindest fast.
Ein leises Klopfen. Alfred richtete sich auf. „Herein.“ Der TÜV-Wichtel trat ein. Klein, kantig, mit strengem Blick und einem Klemmbrett unter dem Arm. Seine Mütze saß exakt gerade, seine Schuhe waren sauber, sein Gesichtsausdruck ließ keinen Spielraum für Höflichkeiten. Er musterte den Schlitten, dann Alfred. „Beginn der Abnahme um 14:12“, sagte er trocken. „Keine Verzögerungen.“ Alfred nickte. Mehr Worte waren nicht nötig. Der Prüfer begann vorne. Er maß die Kufenbreite, prüfte das Holz, klopfte, zog, drückte. Notierte. Sagte nichts. Das Schweigen war unangenehmer als jede Kritik. Lina stand auf und näherte sich vorsichtig. Sie setzte sich neben den Prüfer, als wolle sie genau sehen, was er tat. Der Prüfer ignorierte sie, bis sie leise schnaufte. Er sah kurz zu ihr hin. „Stabilitätstest?“, murmelte er. Lina blieb sitzen. Er nickte knapp und machte weiter.
Emil erhob sich inzwischen und stellte sich auf den Schlitten. Nicht spielerisch. Einfach… selbstverständlich. Als hätte er verstanden, worum es ging. „Zusätzliche Last?“, fragte der Prüfer. Alfred zögerte kurz. „Alltagssituation“, sagte er dann. Der Prüfer notierte etwas. Dann kam der kritische Teil: die Lenkung. Der Prüfer zog stärker an den Seilen, als Alfred es je getan hatte. Drehte, ruckte, verlagerte sein Gewicht. Der Schlitten knarzte leise. Zu leise. Der Prüfer hielt inne. Sah Alfred an. „Haben Sie die Aufhängung der rechten Kufe nachgezogen?“ Alfreds Magen zog sich zusammen. „Ja“, sagte er. Dann, ehrlicher: „heute Morgen.“ Der Prüfer runzelte die Stirn. Noch ein Ruck. Ein metallisches Geräusch. „Grenzwertig“, sagte er. Lina legte den Kopf schief. Emil setzte sich abrupt hin. Der Prüfer ging einen Schritt zurück. „Unter Starkwindbedingungen könnte es zu minimalem Nachgeben kommen.“ Alfred schluckte. Das war nah an einem Durchfallen. Er trat vor, kniete sich hin, überprüfte die Stelle. Er wusste, was gemeint war. Hatte es gesehen. Hatte gehofft. „Ich ziehe es nach“, sagte er ruhig. Der Prüfer sah auf die Uhr. „Sie haben zehn Minuten.“
Alfred arbeitete schnell, aber nicht hastig. Emil stand direkt daneben, Lina hielt Abstand, als wüsste sie, dass jetzt Konzentration nötig war. Schraube raus. Neu ausgerichtet. Fester Sitz. Noch ein Test. Stille. Dann ein knappes Nicken. „Besser.“ Zum Schluss kam die Lichterkette. Der Prüfer prüfte Befestigung, Sicht, Stromlauf. Alfred schaltete sie ein. Warmes Licht legte sich über den Schlitten. Nicht blendend. Nicht zu schwach. Der Prüfer betrachtete das Ergebnis lange. Sehr lange. Dann setzte er einen Haken auf sein Klemmbrett. „Der Schlitten wird abgenommen“, sagte er. „Knapp.“ Alfred atmete aus. Der Prüfer verließ die Werkstatt ohne weitere Worte. Emil legte sich sofort hin. Lina schüttelte sich einmal. Alfred lächelte müde. Er trat noch einmal an den Schlitten heran, betrachtete ihn und runzelte die Stirn. Er tastete in seine Taschen. Auf die Werkbank. Neben die Kiste mit Schrauben. Nichts. „Nicht schon wieder“, murmelte er. Emil hob den Kopf. Lina sah ihn an. Alfred seufzte.
„Der Schlitten hat den TÜV-Wichtel bestanden“, sagte er trocken. „Aber meine Brille offenbar nicht.“ Und irgendwo zwischen Werkzeug, Holzspänen und zwei sehr unschuldigen Blicken war sie – wie so oft – einfach verschwunden.

17. Dezember 2025
Alfred und die vermeintliche Abkürzung
Der 17. Dezember begann mit einer sehr verlockenden Idee.
Alfred saß am Schreibtisch in Zimmer 17, das Notizbuch vor sich, der Stift daneben. Normalerweise hätte er jetzt tief durchgeatmet und einfach angefangen zu schreiben. Aber heute war er müde. Nicht schlimm müde, eher dieses Ich-habe-schon-so-viel-gedacht-müde. Er starrte auf die leere Seite. So viel Platz und gar keine Ideen. „Man könnte es sich heute auch einfach machen“, murmelte er. Der Gedanke setzte sich fest. Wuchs. Und wurde schließlich zu einem Plan. Alfred schob das Notizbuch beiseite und holte das kleine Gerät hervor, das ihm vor einiger Zeit jemand erklärt hatte: Ein Computer. Angeblich konnte es mit künstlicher Intelligenz Geschichten schreiben, schnell sogar, sehr schnell. „Nur als Unterstützung“, sagte Alfred streng zu sich selbst. „Nicht schummeln. Helfen.“ Er tippte vorsichtig seine Anfrage ein und wartete.
Es dauerte nicht lange und ChatGPT präsentierte einen ersten Entwurf. Alfred las und runzelte die Stirn. In der Geschichte flog er plötzlich auf einem Einhorn durch eine Wolke aus Vanillesoße, während die Rentiere Gedichte rückwärts aufsagten und der Adventskalender sich in einen sprechenden Kühlschrank verwandelte. Alfred legte den Kopf schief. „Nein“, sagte er ruhig. „So nicht.“ Er versuchte es noch einmal. Vielleicht hatte er sich unklar ausgedrückt. Der zweite Entwurf kam prompt. Diesmal bestand die Geschichte hauptsächlich aus einem philosophierenden Lebkuchen, der sich fragte, ob er gegessen werden wolle oder müsse, während Alfred selbst nur einmal am Rand erwähnt wurde – als Nebenfigur mit Hut. Alfred seufzte. „Ich bin kein Statist in meinem eigenen Kalender.“ Dritter Versuch. Jetzt ging es um ein Zeitportal, einen sprechenden Toaster und eine dramatische Verfolgungsjagd auf Rollschuhen. Weihnachten kam gar nicht vor, dafür explodierte etwas, mehrmals. Alfred schüttelte den Kopf unf klappte das Gerät zu. Dann öffnete er es wieder. „Vielleicht braucht es einfach Geduld“, sagte er und tippte erneut. Diesmal kam… nichts. Er wartete. Und wartete. Dann erschien eine Meldung, die Alfred nichts sagte, aber alles erklärte.
Fehler - Server nicht erreichbar.
Er blinzelte. „Hm.“ Er probierte es noch einmal. Und noch einmal. Immer erschien die Gleiche Meldung. Alfred lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Natürlich“ sagte er trocken. „Genau heute.“ Er dachte kurz nach. Dann nickte er langsam: „Oma Gisela“, murmelte er. „Hundertprozentig!“ Oma Gisela hatte nämlich die feste Überzeugung, dass man das Internet nicht brauche, sondern dass es Unruhe bringe. Und wenn es ihr zu unruhig wurde, dann „löschte“ sie es. Wie genau sie das machte, wusste niemand. Aber danach funktionierte oft sehr vieles nicht mehr.
Alfred schob die Computertastatur zur Seite und griff wieder nach seinem Notizbuch, nahm den Stift in die Hand und atmete tief durch. Und dann schrieb er: Ohne Effekte, ohne Einhörner, ohne Toaster. Die Worte kamen ruhig. Vertraut. So, wie sie es immer taten, wenn er ihnen Zeit ließ. Satz für Satz füllte sich die Seite. Und während er schrieb, merkte Alfred etwas sehr Wichtiges. Wenn er gleich so angefangen hätte, hätte er sich Zeit gespart. Und Nerven. Und mehrere sehr seltsame Entwürfe. Er setzte den letzten Punkt, lehnte sich zurück und lächelte zufrieden. Dann wollte er noch einmal drüberlesen. Alfred griff nach vorne und hielt inne. Tastete neben sich. Dann auf dem Boden. Dann auf dem Notizbuch. Er blinzelte. „Moment mal …“, sagte er langsam. Er sah sich um. Alles war da … Fast alles.
Alfred seufzte leise. „Na großartig“, murmelte er. „Schon wieder.“

16. Dezember 2025
Alfred und der offizielle Zwangsurlaub
Der 16. Dezember begann für Alfred mit einem sehr ungewöhnlichen Brief. Er lag ordentlich gefaltet auf dem Boden des Adventskalenders, direkt vor der Tür, als hätte jemand besonders darauf geachtet, dass man ihn nicht übersehen konnte.
Alfred hob ihn auf, setzte sich auf den Boden und öffnete ihn vorsichtig.
Wichtel Alfred,
hiermit wird festgestellt, dass du seit 15 Tagen ohne Pause arbeitest, dreimal nachts aufgestanden bist, einmal einen Wunschzettel ohne Namen gelöst hast und einmal versucht hast, Tee in den Backofen zu stellen.
Laut Wichtelordnung §24b bedeutet das: sofortige Erholung.
Dauer: ein Tag
Ort: egal, solange keine Wichtelaufgaben erledigt werden.
Unterschrieben: Das Wichtelkontrollkomitee.
Alfred las den Brief zweimal. Dann ein drittes Mal, um sicherzugehen, dass dort wirklich „sofortige Erholung“ stand und nicht „noch schneller arbeiten“. „Na gut“, sagte er schließlich. „Wenn das offiziell ist.“ Er packte ohne Hast. Wer zwangsbeurlaubt wurde, durfte sich Zeit lassen. Ein paar Sachen wanderten in die Tasche, darunter sein Notizbuch, ein Buch über Sternenkarten („reine Freizeit!“), eine Lichterkette für alle Fälle und etwas, das aussah wie Sonnencreme, aber vermutlich älter war als der Weihnachtsmann. Alfreds Beurlaubung machte auch nicht vor dem Wichteldorf halt. Dort sprach es sich schnell rum. „Zwangsurlaub?“ fragte Anton. „Zwang“, bestätigte Sandra. „Und wohin?“ „Irgendwohin, wo niemand Wichtelaufgaben zu erledigen hat.“ so erzählte man sich.
Der Weihnachtsmann nahm es sportlich. „Vorschrift ist Vorschrift“, sagte er, als er Alfred am Telefon hatte, der noch mal nachfrage wollte, ob das wirklich sein kann. „Aber komm rechtzeitig zurück.“ „Natürlich.“ „Und verliere deine Brille nicht!“ Alfred nickte. Wenig später kniff Alfred seine Augen zusammen, dachte ganz fest an Urlaub und dann war ein leises plopp zu hören. Alfred stand an einem Strand. Es war still. Kein Schnee, kein Kalenderblatt, kein hektisches Rascheln. Das Meer bewegte sich in einem Tempo, das Alfred sofort gefiel: langsam, zuverlässig, ohne Überraschungen. Die schönen Palmen waren eine tolle Abwechslung zu den vielen Tannenzweigen, die er die letzten Tage gesehen hatte. Er zog die Schuhe aus, vergrub die Zehen im Sand und blieb einen Moment stehen. „Also das“, sagte er leise, „ist definitiv keine Weihnachtsstimmung.“
Er ließ sich auf eine Liege fallen, bestellte Limonade und beobachtete die Schildkröten, die so wirkten, als hätten sie ihr Leben sehr gut organisiert. Alfred spazierte am Wasser entlang, sammelte Muscheln, die er vermutlich nie brauchen würde und setzte sich später in den Schatten. Er dachte an nichts Konkretes. Das war neu. Und angenehm. Zwischendurch schlief er kurz ein. Ein offizieller, genehmigter Schlaf. Nach einem kurzen Nickerchen nahm er sich sein Buch, wofür er nun endlich Zeit hatte. Doch bevor er die erste Seite fertiggelesen hatte, hatten die Gedanken an Weihnachten ihn schon längst eingeholt. "Weihnachten heißt doch nicht kalt und grau." Der Weihnachtsmann hatte ihm doch so viele Male von seiner Reise erzählt. Überall auf der Welt gibt es Weihnachten und dann ist es egal, ob es -10°C oder +20°C sind, grau oder Sonne, Tannenbaum oder Palme. Kurzerhand schnappte Alfred sich seine Lichterkette, die er für alle Fälle mal mitgenommen hatte, dekorierte sich die Palmen und war zufrieden, dass Sonne, Strand und Meer nun doch auch Weihnachten sein kann. Als die Sonne langsam tiefer sank, holte Alfred sein Notizbuch hervor. Er wollte diesen Tag festhalten, um sich später daran zu erinnern, dass gerade im Advent manchmal Pausen wichtig sind UND, noch viel wichtiger, es nicht auf den Ort ankommt, an dem man ist. Weihnachten ist da, wo man es feiern möchte. Er schlug das Buch auf. Blinzelte. Der Text war verschwommen. Er zog das Buch näher heran. Blinzelte noch einmal. Dann griff er auf die Liege hinter sich, zur Seite, in die Tasche. Alfred hielt inne. „Moment mal …“, sagte er ruhig. Er sah sich um. Sand. Tasche. Limonade. Liege. Meer. Alles da … Fast alles. Er seufzte, lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf. „Zwangsurlaub mit klaren Anweisungen“, murmelte er. „Aber meine Brille hält sich offenbar nicht an Vorschriften.“
Das Meer rauschte. Die Sonne ging unter. Alfred lächelte trotzdem. Manches konnte man regeln. Anderes eben nicht.

15. Dezember 2025
Alfred und der Wunsch vom Weihnachtsmarkt
Am Nachmittag des 15. Dezember machte sich Alfred auf den Weg zum Weihnachtsmarkt. Er mochte diese Stunde besonders, wenn es schon dämmerte, die Lichterketten langsam heller wurden und der Markt noch nicht ganz voll war. Der Boden war feucht vom Tau, die Luft roch nach gebrannten Mandeln, Tannenzweigen und heißem Apfelsaft. Alles war in Bewegung und doch irgendwie ruhig.
Alfred schlenderte zwischen den Ständen hindurch, blieb stehen, hörte Gespräche, sah Kindern zu, die mit roten Nasen vor den Buden standen. Er mochte diese Beobachtungen. Sie erinnerten ihn daran, dass Weihnachten nicht aus Listen und Werkstätten bestand, sondern aus Momenten. Als er an einem Stand mit Holzspielzeug vorbeikam, bemerkte er etwas auf dem Boden. Ein Stück Papier, leicht zerknittert, an den Rändern feucht. Es lag halb unter einer Bank, als hätte jemand es fallen lassen und es nicht bemerkt. Alfred hob es auf. Es war ein Wunschzettel. Er faltete ihn vorsichtig auseinander und las. Die Schrift war unsicher, aber sorgfältig. Jemand hatte sich Zeit genommen. Die Wünsche waren klein. Kein Übermaß, kein „alles“. Etwas Warmes. Etwas Verlässliches. Etwas, das bleiben durfte.
Alfred lächelte kurz – und dann runzelte er die Stirn. Kein Name. Er drehte den Zettel um. Keine Ecke beschrieben, kein Zeichen, kein Herz, nichts. Nur dieser Wunsch, allein auf einem Blatt Papier. Er faltete den Wunschzettel sorgfältig zusammen und steckte ihn in seine Manteltasche. Nicht achtlos. Sondern so, als würde er etwas Wichtiges aufbewahren.
Der Gedanke an den namenlosen Wunschzettel lies ihn nicht los, sodass er der Weihnachtsmarkt verließ. Zurück im Adventskalender legte Alfred den Zettel auf seinen Tisch. Er rückte ihn mehrmals zurecht, als würde sich dadurch vielleicht doch noch ein Name zeigen. Aber das Papier blieb weiterhin ohne Absender. „Das ist ungünstig“, murmelte er. Denn Wünsche ohne Namen waren schwierig. Sehr schwierig. Es gab Regeln. Nicht viele, aber diese gehörte dazu. Wünsche brauchten einen Namen. Sonst wurden sie leicht falsch oder gingen an jemand anderen oder verpufften. Alfred setzte sich und dachte nach. Er ging die Möglichkeiten durch. Er könnte den Wunsch ignorieren, aber das kam nicht infrage. Er könnte raten, aber das war unfair. Er könnte versuchen, den Zettel zurück auf den Markt zu bringen, aber wer würde ihn dort finden?
Er stand auf, holte eine kleine Schachtel aus dem Regal und stellte sie neben den Zettel. Auf der Schachtel stand: „Noch offen“. Dort landeten Dinge, die Zeit brauchten. „Nein,“ murmelte Alfred in sich hinein. „Ich muss wissen, wem der Wunschzettel gehört“. Alfred nahm ihn wieder in die Hand und verließ erneut seinen Kalender. Er ging nicht zum Weihnachtsmann, nicht ins Wichteldorf, sondern dorthin, wo er gefunden worden war. Er ging erneut über den Markt. Nicht auffällig. Nicht suchend. Er hörte zu.
Er blieb stehen, wenn Kinder sprachen. Nicht um zu lauschen, sondern um Stimmungen wahrzunehmen. Manche erzählten laut von dem, was sie sich wünschten. Dann musste Alfred schmunzeln, ihre Wünsche hatte er bereits mit Anton gelesen und mit Sandra bearbeitet. Andere Kinder flüsterten. Manche sagten gar nichts und hielten ihre Wünsche fest umklammert. Und dann hörte Alfred einen Satz, der ihn innehalten ließ. „Ich habe meinen Zettel verloren“, sagte ein Kind leise. „Aber das ist nicht schlimm. Ich weiß ja, was draufstand.“ Alfred drehte sich nicht sofort um. Er tat, als würde er sich die Lichter ansehen. Aber er hörte weiter zu. Das Kind erklärte nicht viel. Nur, dass es nicht schlimm sei, und dass der Wunsch trotzdem da sei. Da verstand Alfred. Der Wunsch brauchte keinen Namen auf dem Papier. Der Wunsch hatte einen Namen, nur eben nicht für ihn sichtbar.
Zufrieden genoss Alfred nun noch den schönen Abend auf dem Weihnachtsmarkt, schaute sich die Freude der Menschen an, wie sie lachten und Zeit miteinander verbrachten.
Zurück im Adventskalender nahm Alfred den Zettel noch einmal zur Hand. Er las ihn nicht erneut. Er faltete ihn sorgfältig und legte ihn zu den anderen. Nicht in die Schachtel „Noch offen“. Sondern dorthin, wo Wünsche lagen, die nicht laut waren. Er machte sich eine Notiz. Keine Adresse. Kein Name. Nur eine Erinnerung: Etwas Warmes. Etwas Verlässliches. Etwas, das bleiben durfte.
„So“, sagte Alfred leise. „Das reicht.“ Manche Wünsche, wusste er jetzt wieder, mussten nicht zugeordnet werden. Sie mussten nur ernst genommen werden und werden dann irgendwann zur richtigen Zeit erfüllt werden. Und das konnte Alfred. „Moment mal …“, murmelte er. „Das gibt’s doch nicht.“ Er sah sich um, langsam, so wie man es tut, wenn man hofft, dass etwas einfach wieder auftaucht. Tat es aber nicht. Der Wunschzettel lag da. Die Entscheidung war getroffen. Alles war an seinem Platz, nur mal wieder seine Brille nicht.
„Potzblitz, die muss ich am Stand auf dem Weihnachtsmarkt vergessen haben.“

14. Dezember 2025
Maschen, Socken und ein Wollknäul auf der Flucht
An diesem Morgen war es im Adventskalender ungewöhnlich still. Kein Hämmern, kein Sägen, kein Klappern von Werkzeug. Alfred saß auf dem Boden, die Beine leicht angewinkelt, ein dickes Sitzkissen unter sich. In seinen Händen lagen zwei Stricknadeln, vor ihm ein ordentlich aufgewickeltes Wollknäule in rot und weiß. Stricken hatte er von Tante Bea gelernt. Tante Bea konnte alles stricken: Socken, Schals, Mützen, Handschuhe, sogar einen Pullover für einen widerspenstigen Schneemann. Sie war eine von diesen Wichteln, die nie hektisch wurden und immer behaupteten, dass man Probleme Masche für Masche lösen müsse. Wenn Alfred als junger Wichtel zu schnell gearbeitet hatte, hatte sie nur den Kopf geschüttelt und gesagt: „Langsam, Alfred. Gleichmäßige Maschen sind wichtiger als Tempo.“
Und genau das tat Alfred heute. Eine Mütze für den Weihnachtsmann, ein Schal für kalte Schlittennächte und dicke Socken, damit niemand an den Zehen frieren musste. Die Maschen liefen erstaunlich gleichmäßig und Alfred nickte zufrieden. Man verlernt es nicht, dachte er. Neben ihm lagen Emil und Lina. Zumindest glaubte Alfred das. Er hörte sie ruhig atmen, also strickte er konzentriert weiter, murmelte leise Zahlen vor sich hin und dachte an Tante Bea, die immer auf die Finger klopfte, wenn man zu locker strickte. Dann passierte es. Ein leises plopp.
Ein sanftes Rollen. Und dann… absolute Stille. Alfred blickte auf. Das Wollknäul war weg. „Emil? Lina?“ fragte er langsam.
In diesem Moment schoss Emil unter dem Tisch hervor, das Wollknäul fest im Maul. Lina hinterher, begeistert bellend, als hätte sie gerade den wichtigsten Auftrag zu Weihnachten bekommen. Die rote Wolle wickelte sich in hohem Tempo ab, zog sich quer durch den Raum, über den Boden, unter dem Sitzkissen, über die bereits fertig gestrickten Sachen und einmal komplett um Alfreds Fuß. „Nein! Stopp! Das ist KEIN Spielzeug!“, rief Alfred und sprang auf. Zu spät. Emil ließ das Knäul fallen, Lina schnappte es sich sofort und raste los. „Nein, nein, nein“, murmelte Alfred, während er aufstand und versuchte, das Knäul einzufangen, ohne die Maschen auf den Nadeln zu verlieren. Dann blieb Lina plötzlich stehen. Emil kam angerutscht, schnappte sich das Knäul erneut und lief noch eine weitere Runde. Die Wolle spannte sich, zog an Alfreds Arbeit und plötzlich hing der halbfertige Schal wie ein seltsames Kunstwerk zwischen Wichtel und den Hunden mitten im Raum.
Alle drei waren so erstrocken, dass das Spiel sofort ein Ende hatte. Als nun wieder Ruhe eingekehrt war, sah das Türchen Nummer 14 aus, als hätte eine rote Spinne hier ihr Unwesen getrieben. Wolle überall. An Möbeln, an Pfoten, an Alfreds Knien. Emil lag zufrieden mitten im Wollchaos, Lina hatte sich eingerollt, direkt auf der Wolle. Alfred atmete tief durch. „Tante Bea hätte jetzt sehr langsam gezählt“, murmelte er. Er sammelte die Wolle wieder ein, setzte sich hin und rollte sie sauber wieder auf. Es dauerte. Es dauerte sehr lange. Er atmete tief durch und begann sich einen Überblick zu machen. „Jetzt sollte alles wieder passen“ sagte er zu sich selbst und begann erneut zu stricken. Die Mütze wurde etwas länger als geplant, der Schal minimal schmaler und bei einer Socke war er sich nicht mehr ganz sicher, ob sie wirklich zwei gleiche Seiten hatte, aber warm würde sie auf jeden Fall.
Emil und Lina beobachteten ihn nun aufmerksam. Sehr aufmerksam. Zu aufmerksam. „Nein“, sagte Alfred warnend. „Das Knäul bleibt jetzt hier.“ Die Hunde sahen ihn an. Sahen die Wolle an. Sahen sich an. Dann legten sie sich demonstrativ wieder hin. Unschuldig wie immer. Alfred seufzte, strickte weiter und war fast fertig, als er plötzlich innehielt. Er blinzelte. Strich sich über die Nase. „Moment…“, murmelte er. „Das ist nicht gut. Nicht schon wieder“, stöhnte Alfred. „Wo… ist… meine Brille?“

13. Dezember 2025
Der widerspenstige Weihnachtsmann-Anzug
Am Morgen des 13. Dezember saß Alfred bereits mit einem großen Becher Kakao – extra stark, extra süß – an seiner Werkbank. Heute stand eine Aufgabe an, die jedes Jahr pünktlich auf den Tag kam: Der Weihnachtsmann-Anzug musste überarbeitet werden. Und zwar gründlich. Vor allem am Hosenbund. Und an den Knöpfen. Und an einer Stelle am Jackenrücken, die verdächtig nach Spannung aussah.
Noch bevor Alfred das erste Nähgarn ausrollen konnte, hörte man draußen ein schweres Stapfen, gefolgt von einem tiefen Räuspern.
„Ähem… Alfred? Bist du da?“
Natürlich war der Weihnachtsmann wieder selbst persönlich gekommen. Er drückte sich seitlich durch die Adventskalendertür – und auch das ging nur, weil Alfred sie letztes Jahren verbreitert hatte. Sonst wäre der Weihnachtsmann spätestens heute steckengeblieben.
„Morgen, Alfred! Ich fürchte, wir haben wieder dasselbe Problem wie jedes Jahr.“ Der Weihnachtsmann hielt den roten Mantel hoch, der an den Schultern ein bisschen zog, und die Hose, die aussah, als würde sie schon beim Anschauen protestieren.
Alfred hob eine Augenbraue. „Der Hosenbund?“ „Der Hosenbund“, seufzte der Weihnachtsmann bedeutungsschwer. „Ich bin mir sicher, der Stoff geht ein. Oder der Fahrtwind zieht alles schief. Oder…“ Alfred räusperte sich leise. „Oder“, begann er vorsichtig, „es liegt nicht am Fahrtwind.“
Der Weihnachtsmann hob die Hände. „Ich weiß, was du denkst! Aber ich sage dir: Ich habe diesen Anzug im Sommer kaum getragen! Höchstens zu Grillabenden… und zur Blaubeerernte… und natürlich beim Pfannkuchenfest im Juni… und…“ „Aha“, murmelte Alfred und legte die Hose auf den Tisch.
Er breitete den Stoff aus, zog die Naht leicht auseinander und hörte ein leises plopp, das eindeutig von den Knöpfen kam. Die hatten wohl schon länger aufgegeben und nur aus Höflichkeit so getan, als hielten sie noch.
„Sag mal, wie viele Lebkuchenherzen hattest du eigentlich gestern?“, fragte Alfred beiläufig, während er Maß nahm. Der Weihnachtsmann schaute zur Seite. „Vier.“ Alfred sah ihn an. „Na gut… sieben.“ Alfred sah ihn weiterhin an.
„…Vielleicht auch zwölf. Aber die waren klein! Sehr klein!“ Alfred musste lachen. „Ich sag’s dir jedes Jahr: Du bist kein Anzugschrumpfer. Du bist ein Leckerschlurpfer.“
Der Weihnachtsmann verzog den Mund zu einem schuldbewussten Grinsen. „Alles in Maßen… und manchmal eben auch ein bisschen mehr.“
Während Alfred nähte, stopfte, ergänzte und verstärkte, unterhielt sich der Weihnachtsmann munter weiter. Er erzählte vom Schlittencheck, den er morgen machen wollte, von Rentier Donner, der behauptete, er hätte dieses Jahr einen neuen persönlichen Sprintrekord aufgestellt, und von Blitzen, der das vehement bestritt, weil er der Meinung war, er selbst sei „mindestens doppelt so schnell wie jeder andere“.
Zwischendurch probierte Alfred die Hose am Weihnachtsmann an, nur zum Test. Sie ging… halb hoch. „Gut“, sagte Alfred trocken. „Wir erweitern also den Bund. Und die Knöpfe. Und wahrscheinlich auch die Träger.“ Der Weihnachtsmann nickte ergeben. „Ich stehe zu meinen Talenten. Eins davon ist Essen.“
Es dauerte eine Weile, aber schließlich lag der Anzug fertig vor ihnen: glänzend rot, weich, robust, und diesmal mit ein paar Zentimetern mehr Freiraum an den entscheidenden Stellen. Alfred klopfte sich die Hände ab. „So. Jetzt hält er wieder ein Jahr. Vorausgesetzt, du bleibst vor Heiligabend von der Lebkuchenbude fern.“
„Ich gebe mein Bestes“, versprach der Weihnachtsmann – und griff sich im selben Moment das letzte Stück Gebäck von Alfreds Teller. „Das zählt nicht!“, rief er lachend. „Das ist ja kein Lebkuchen. Das ist ein Zimtstern.“ Alfred schüttelte den Kopf, aber er musste zugeben: Es war himmlisch, den Weihnachtsmann lachen zu hören. Und der Anzug sah tatsächlich perfekt aus.
Bevor der Weihnachtsmann sich verabschiedete, beugte er sich zu Alfred herunter. „Danke, mein Freund. Ohne dich würde ich Heiligabend nicht mal bis zur Tür kommen.“ „Stimmt“, sagte Alfred trocken. „Und jetzt geh, bevor du dir spontan noch einen Kakao holst.“ Der Weihnachtsmann zwinkerte, drückte die Tür auf – diesmal ohne stecken zu bleiben – und stapfte davon.
Und Alfred? Der setzte sich, nahm einen Schluck Kakao und murmelte:
„Nächstes Jahr das gleiche Spiel.“ Dann hielt er inne. „Das gibt es doch nicht…. zum Tannenzapfen-Donnerknispel… wo ist jetzt schon wieder meine Brille hin?“

12. Dezember 2025
Bastelstunde im Adventskalender
Der 12. Dezember begann für Alfred mit dem dumpfen Trommeln von Regentropfen auf dem Dach des Adventskalenders. Es war wieder so ein typischer Tag: kalt, aber nicht richtig kalt. Nass, aber nicht richtig winterlich. Grau, und zwar die Sorte von Grau, die sogar einem Wichtel ein leises Seufzen entlockt. Alfred stellte eine große Kanne Kakao auf seinen kleinen Holzofen und rieb sich die Hände. Heute wollte er Geschenke für die Kinder basteln, selbstgemacht, mit viel Liebe und ein bisschen Wichtelzauber. Er hatte sich vorgenommen, ganz früh anzufangen, doch bevor er überhaupt die erste Holzplatte zurechtsägen konnte, klopfte es zaghaft an der Tür. Als er öffnete, stand Sandra davor. Seine Wichtelfreundin sah nicht gerade aus, als wäre sie bester Laune. Ihre Mütze hing schief, ihr Schal tropfte und sie hatte diesen typisch genervten Ausdruck, den man bekommt, wenn das Wetter einem den Spaß am Urlaub verdirbt.
„Alfred“, begann sie dramatisch, „Ich habe Urlaub. Urlaub! Und was macht das Wetter? Es ist zu warm für Schnee, zu kalt für Sonne, zu grau für fröhlich und zu nass für alles andere. Ich drehe durch.“ Alfred lächelte milde. „Dann komm rein. Hier ist es warm, gemütlich und ich kann eine helfende Hand gebrauchen.“ Sandra trat ein und seufzte erleichtert, als der Ofen ihr die Kälte aus den Knochen zog. „Was machst du denn heute?“ „Geschenke für die Kinder“, erklärte Alfred und zeigte auf das Türchen 7 im Kalender. Anton hatte die meisten Wunschzettel zwar mit ins Wichteldorf genommen, aber ein paar musste Alfred auch noch vorbereiten. „Willst du mitmachen? Vielleicht hilft es gegen deine schlechte Wetter-Laune „Alles hilft gegen dieses Wetter“, murmelte Sandra und zog die nassen Handschuhe aus. „Also gut. Zeig mir, womit wir anfangen.“
Alfred griff als Erstes zu einem Stück weichem Holz. „Ich wollte eine kleine Eisenbahn machen. Da brauchen wir Räder, einen Kesselwagen und…“ „…und Dampf!“, rief Sandra und brachte direkt die erste Idee ein. Sie pustete warmen Atem gegen die Lok, sodass der feine Sägemehlstaub in der Luft glitzerte. „Guck mal, da fährt sie schon!“ Gemeinsam feilen sie an der Lok, setzen kleine Räder an, die ganz leicht klackerten, und bemalten den Kessel feuerrot. Als die Holzeisenbahn schließlich fertig war, blickte Sandra voller Begeisterung. „Die ist ja niedlich! Das macht ja richtig Spaß!“ Die Stimmung wurde besser, der Kakao schmeckte hervorragen und der Raum wurde immer wärmer. Auch das Regenprasseln hörte sich nun eher gemütlich als nach schlechter Laune an.
Danach setzte sich Alfred an ein Stück Stoff, das er gestern noch aus dem Wichtellager geholt hatte. Es war weich wie Wolken und perfekt für „Einen kleinen Teddy“, sagte Sandra, noch bevor Alfred den Gedanken zu Ende denken konnte. „Darf ich die Knopfaugen annähen?“ „Aber klar.“ Und so saßen sie beide im Schneidersitz auf dem Boden, Alfred nähte die weiche Nase, Sandra fummelte konzentriert, und leise fluchend die winzigen Knöpfe an. Als der Teddy fertig war, drückte sie ihn einmal fest an sich. „Den behalte ich. Nur heute. Dann gebe ich ihn ab.“ Alfred lachte. „Damit kann ich leben.“
Als Nächstes zog er ein paar dicke Holzlatten hervor. „Winterliche Schlitten standen bei den Kindern auch auf den Wunschzetteln.“
Sandra sah ihn skeptisch an. „Schlitten? Bei DEM Wetter?“
„Naja… bis Weihnachten kann viel passieren.“ Gemeinsam bauten sie ein kleines Modell, schliffen die Kufen glatt und testeten es über das Holzbrett. Sandra schob ihn an. Der Schlitten glitt erstaunlich gut. „Ha! Der fährt besser als das Wetter aussieht!“
Nun waren sie in richtiger Bastelstimmung. Alfred schnappte sich eine dünne Holzplatte und begann, einen kleinen Rumpf auszusägen. „Ein Spielzeugschiff. Für die Kinder, die lieber Kapitäne sind als Rennfahrer.“
Sandra setzte das Holzrohr als Schornstein ein und befestigte den winzigen Anker, beides hatte sie in den Kisten gefunden hatte. „Wenn das nächste Mal gutes Wetter ist, also irgendwann in den nächsten zehn Jahren, dann kann man es bestimmt mal auf dem Wasser fahren lassen.“
Zum Schluss blieb noch ein sanft gerundetes Stück Holz übrig. Alfred strich darüber. „Daraus mache ich eine Wiege“, sagte er leise, „für eine Puppe. Viele Kinder wünschen sich eine.“ Sandra half beim Schleifen, beim Bemalen und beim Polieren, bis die kleine Wiege aussah, als könne sie tatsächlich jemanden in den Schlaf schaukeln.
Als sie fertig waren, blickten die beiden Wichtel stolz auf ihre Arbeit: eine Lok, ein Teddy, ein Schlitten, ein Schiff und eine kleine Wiege, keines davon völlig perfekt, aber jedes davon voller Liebe und Geschenke von Herzen. Sandra lehnte sich zurück und seufzte, diesmal zufrieden. „Ich glaube, Urlaub im Adventskalender ist gar nicht so schlecht.“ „Siehst du“, sagte Alfred und schenkte ihr eine weitere Tasse Kakao nach. „Man muss nur wissen, wo’s warm und gemütlich ist. Dann ist das Wetter völlig egal.“
Draußen regnete es weiter. Drinnen roch es nach frisch gesägtem Holz, warmer Schokolade und ein bisschen Wichtelglück. Es war schon spät geworden. So bat Alfred Sandra an über Nacht in seinem Gästezimmer im Adventskalender zu bleiben. Als er sie verabschiedete, um selbst ins Bett zu gehen hielt er kurz inne. „Das gibt es doch nicht…. Jeden Tag…meine Brille, wo ist nur wieder meine Brille hin.“

11. Dezember 2025
Besuch im Rentiergehege
Am Vormittag machte sich Alfred warm eingepackt auf den Weg durch den verschneiten Wald. In seiner Hand schwang eine kleine Stofftasche, in der die frischen, am 4. Dezember gebackenen Rentierkekse lagen. Es war der 11. Dezember, und heute wollte er das Rentiergehege am Waldrand besuchen. Die Rentiere sollten langsam in Weihnachtsstimmung gebracht werden. Schließlich war der große Abend nicht mehr weit.
Das Gehege lag zwischen hohen Tannen, die wie stille Zuschauer wirkten. Schon von Weitem sah Alfred die dampfenden Atemwolken der Tiere, die neugierig Richtung Zaun blickten. Donner stand an vorderster Stelle, gefolgt von Blitzen, Sternchen, Tindra und dem kleinen Moosbart, der immer etwas hinterherhumpelte, obwohl keiner wusste, warum.
„Guten Morgen, ihr Schneenasen!“, rief Alfred vergnügt. Er zwängte sich durch die Wichtelluke im Tor, stapfte über die Wiese und ließ sich direkt zwischen die Rentiere plumpsen. Er sah die Tiere an, als würde er gleich eine feierliche Rede halten. „Ich habe etwas für euch!“. Er öffnete die Tasche, holte die Dose mit Rentierkeksen hervor und präsentierte die goldbraunen Kekse wie einen Schatz. Sie dufteten warm nach Hafer, Apfel und einem Hauch Mut. „So. Probiert mal“, sagte Alfred hoffnungsvoll.
Alle fünf Rentiere hoben die Köpfe synchron, als hätten sie gerade ein unsichtbares Startsignal bekommen. Fünf Ohrenpärchen stellten sich senkrecht auf. Dann entstand ein Kekse-Knabber-Chaos, das jedes geordnete Mittagessen sprengte.
Kaum war die Dose leer, schnaubten die Tiere wild entschlossen. Donner stampfte mit den Hufen, Blitzen prustete, Sternchen sprang einmal in die Luft.
„So“, sagte Alfred. „Dann beginnen wir mit den Übungen!“- Er rückte seine Brille zurecht, stellte sich gerade hin und rief: „Rentier-Weihnachtstraining – Runde eins!“
1. Linienflug-Übung
„Alle hintereinander! Und zwar ordentlich!“. Die Rentiere trabten mehr oder weniger los. Donner führte wie ein General, Blitzen versuchte ständig zu überholen und rempelte Sternchen dabei versehentlich an. Tindra torkelte zwischendurch seitlich, weil sie ein glitzerndes Blatt bestaunen musste. Moosbart rannte mal vorne, mal hinten, mal gar nicht.
„Blitzen, KEINE Überholspur! Sternchen, du musst nicht jedes Blatt anstupsen! Moosbart – du läufst die Linie, nicht durch die anderen Rentiere hindurch!“. Alfred joggte nebenher, schnaufte, stolperte und rief Kommandos, die niemand befolgte. Es war laut, chaotisch, durcheinander, aber irgendwie funktionierte es trotzdem.
2. Sternformation
„Wir brauchen einen perfekten Stern! Donner in die Mitte! Die anderen im Kreis!“. Theoretisch einfach, praktisch eine Katastrophe:
Sternchen wollte unbedingt neben Blitzen stehen, Blitzen wollte unbedingt neben Donner stehen, Tindra wollte „eigentlich lieber ein Herz statt Stern“ bilden, und Moosbart hatte die Formation so verstanden, dass er sich einfach in die Mitte legte und einschlief.
Nach mehreren korrigierten Positionen stand die Gruppe dann irgendwann erstaunlich hübsch da, schief, aber hübsch.
3. Schlitten-Anspannung – Trockenprobe
Er holte ein kleines Gestell hervor, an das sich die Tiere gewöhnen sollten. „Das ist ein Modell vom Schlitten, den ihr Heiligabend ziehen müsst.“
Die Rentiere stellten sich davor. Soweit gut. Dann klemmte sich Moosbart jedoch mit seinem Geweih im Geschirr fest und drehte sich im Kreis. Tindra wollte Sternchen den Platz klauen. Blitzen hatte das Geschirr verheddert, noch BEVOR er es überhaupt angelegt hatte. Am Ende standen sie aber tatsächlich korrekt davor und wirkten außerordentlich stolz.
Als die Sonne hinter den Tannen versank, machte sich ein wenig Erschöpfung breit. Die Tiere lagen zufrieden zusammen, Alfred keuchte wie nach einem Marathon, aber sein Herz war trotz der Erschöpfung warm. Er klopfte Moosbart zum Abschied an die Nase und griff nach seiner Tasche.
Dann hielt er plötzlich inne. „Hm… warum sehe ich nur… verschwommene Rentiere?“ Er tappte nach seiner Mütze, nach der Jacke, der Tasche, dem Boden: Nichts.
Er seufzte schwer. „Ach wunderbar. Meine Brille… ist schon wieder weg.“

10. Dezember 2025
Alfred im Lichterkettenchaos
Am Morgen stand Alfred mit einem entschlossenen Blick in seinem kleinen Türchen Nummer 10. Heute wollte er endlich entspannt den kleinen Tannenbaum schmücken, den er am 2. Dezember eigenhändig aus dem Wald geholt hatte. Es sollte nicht irgendeine Dekoration sein. Nein, es mussten perfekte Lichterketten sein, die später im Wichteldorf und im Adventskalender für die Kinder leuchten sollten. Er richtete den Baum auf dem kleinen Schlitten mitten im Zimmer auf und rückte seine großen Kisten zurecht. Jede davon bis zum Rand voll mit Lichterketten, die in seiner Erinnerung „ganz ordentlich“ verstaut gewesen waren. Ein fataler Irrtum, wie sich gleich herausstellen sollte.
„So“ murmelte er. „Dieses Jahr mache ich das ganz geordnet. Kein Durcheinander, keine Knoten, kein Drama.“ Es dauerte exakt drei Minuten, bis klar war, dass dieser Vorsatz scheitern würde. Als Alfred die erste Kette aus der Kiste hob, entrollte sie sich zunächst ganz brav. Doch dann, wie aus dem Nichts, tauchte eine unsichtbare Schlaufe auf, gefolgt von einem riesigen Knoten, den er beim besten Willen nicht verursacht haben konnte. „Hmm“, brummte er. „Ihr habt euch also wieder selbstständig gemacht.“
Er setzte sich auf den Boden, begann vorsichtig zu ziehen, zu lockern, zu zupfen, doch mit jeder Sekunde wurde das Knäuel aus Draht und kleinen Lämpchen nur schlimmer. Schließlich sah es so aus, als hätte die Kette beschlossen, Alfred selbst einzuwickeln. Und, um fair zu sein: Genau das tat sie. Zuerst verfing sich ein Ende um seinen Ärmel. Dann wickelte sich die Schlaufe um seine Hüfte. Und ehe Alfred überhaupt aussprechen konnte „Das kann doch nicht euer Ernst…“, hing eine komplette Lichterkette wie ein leuchtender Schal um seinen Hals.
Natürlich erschienen genau in diesem Moment die Dalmatiner Emil und Lina. Lina betrachtete ihn mit einem Gesichtsausdruck, den Alfred nur als „schwer beeindruckt“ interpretieren konnte. Emil hingegen starrte fasziniert auf die blinkenden Lämpchen, setzte sich, hob die Pfote und tippte eine davon an. Die Kette blinkte hektisch auf. Emil wedelte begeistert. Ein zweites Tippen folgte, diesmal etwas energischer und Alfred kippte rückwärts in eine der Kisten. „Hervorragend“, ächzte er. „Genau so habe ich mir das vorgestellt.“
Während Alfred versuchte, sich aus den kabeligen Fängen zu befreien, zog Lina vorsichtig eine dritte Kette aus der Kiste und trottete mit ihr davon, so, als hätte sie gerade eine äußerst wichtige Mission übernommen. Alfred wusste nicht, ob sie helfen oder die Lage verschlimmern wollte. Bei Lina war beides möglich.
Nach einer Weile und mehreren tiefen Atemzügen gelang es ihm, sich halbwegs aus dem Chaos herauszuarbeiten. Er saß nun mitten im Zimmer, völlig umwickelt, aber immerhin frei genug, um wieder aufzustehen. Die Ketten lagen auf dem Teppich verteilt, aber immerhin nicht mehr in einem einzigen, gigantischen Knoten. „Okay“, sagte Alfred streng, „noch einmal von vorn. Dieses Mal mit System.“
Er nahm sich eine Kette, legte sie gerade hin und rollte sie vorsichtig auf. Dieses Mal klappte es. Beim zweiten Versuch ebenfalls. Beim dritten auch, obwohl Emil noch zweimal mit seiner Pfote nachhelfen wollte. Schließlich lagen alle Ketten ordentlich, sauber und ohne Knoten vor ihm. Alfred lehnte sich zurück und atmete tief durch. „Jetzt zur eigentlichen Arbeit.“ Er nahm die erste Lichterkette und begann sie in den Baum zu hängen. Dabei murmelte er vor sich hin: „Wenn ich mit dem Baum fertig bin, organisier ich diese Kisten neu. Ganz bestimmt.“ Er wusste aber selbst, dass das nicht stimmte.
Er wickelte weiter, schlang die Lichterkette um den Baum, trat zurück, prüfte den Abstand, rückte eine Schlaufe zurecht, stolperte fast über Emil, schaffte es diesmal, sich abzufangen, ohne alle Kisten und den Baum umzuwerfen.
Dann leuchtete die Lichterkette so warm, weich und friedlich, dass man kaum glauben konnte, welch Chaos sie angerichtet hatte.
Alfred setzte sich wieder auf den Boden, vollkommen erledigt. Emil wedelte müde, Lina gähnte einmal laut. Alle drei warfen gleichzeitig einen Blick zu den Kisten. „Nein“, sagte Alfred entschieden. „Heute nicht. Eine Lichterkette im Baum reicht. Für mindestens… eine Woche.“
Er blinzelte, dann blinzelte er erneut. Alles verwaschen und unscharf und nebelig. Er seufzte lang und schwer. „Na wunderbar“ murmelte er trocken. „Jetzt hat dieses Lichterchaos meine Brille gefressen.“

9. Dezember 2015
Alfred großer Backtag
Am Morgen des 9. Dezember war es in Alfreds kleiner Weihnachtswerkstatt ungewöhnlich warm. Der Grund: Heute war Backtag, und der Ofen glühte bereits fröhlich vor sich hin. Alfred rieb sich die Hände, band sich mit einem schnellen Knoten die gestreifte Schürze um und stellte vier Schüsseln vor sich auf den Tisch. „Kekse für alle“, murmelte er zufrieden. „Wichtel, Menschen, Hunde… und auch für die Rentiere. Wenn’s denn klappt.“
Er seufzte. Letztes Jahr hatten die Rentiere seine Kekse nicht mal mit der Nase berührt. „Zu langweilig“, hatte das Leitrentier nur geschnaubt und danach beleidigt in den Nachthimmel gestarrt. Also sollte es dieses Jahr etwas Besonderes geben. Zuerst begann Alfred mit dem Teig für die Menschen: Vanille, ein bisschen Zimt, ein Hauch Orange. Der Duft breitete sich sofort im Raum aus. In der zweiten Schüssel rührte er den Wichtelteig an, süßer, würziger, viel klebriger. Jeder Wichtel schwor darauf, dass nur ein klebriger Teig „echtes Weihnachtsgefühl“ bringe.
In der dritten Schüssel mischte er die Hundekekse. Lina und Emil saßen bereits wie zwei Statuen neben dem Tisch und beobachteten jeden seiner Schritte. „Nein, ihr kriegt nichts roh. Ihr bekommt später welche, wenn sie fertig sind“, sagte Alfred bestimmt. Emil schnaubte laut, als würde er protestieren. Lina hingegen wedelte unbeeindruckt weiter.
Schließlich blieb nur noch die vierte Schüssel übrig: der Teig für die Rentiere. Alfred kratzte sich am Kopf. „Letztes Jahr wollten sie nichts davon wissen“, murmelte er. „Was fehlt denn?“ Er probierte eine winzige Menge. „Schmeckt eigentlich gut“, sagte er und zuckte mit den Schultern.
In diesem Moment hörte er draußen Schritte. Eine junge Wichteline aus dem Dorf war neugierig geworden und wollte mal schauen, was Alfred heute so treibt. Ida steckte neugierig den Kopf zur Tür herein. „Na Alfred? Alles gut?“ „Geht so“, gab Alfred zu. „Ich krieg die Rentiere einfach nicht dazu, meine Kekse zu mögen.“ Ida grinste breit. „Fehlt vermutlich Mut“, sagte sie beiläufig.
„Mut?“ „Na klar. Die Rentiere müssen angefeuert werden. Hast du keinen Mut im Regal?“ Alfred öffnete seinen Gewürzschrank. Zwischen Sternenstaub, Pfeffernüssen und der Schachtel mit den Ersatzknöpfen für seine Weste stand tatsächlich ein kleines Glas. Darauf prangte ein Etikett: „Eine Prise Mut“. Alfred schnaubte. „Natürlich. Wieso vergesse ich sowas jedes Jahr?“ Er schraubte das Glas auf und ein winziger, funkelnder Dampf hob sich daraus. Er mischte eine kleine Prise davon in den Rentierteig. Sofort begann er leicht zu leuchten, nicht aufdringlich, sondern so, als hätte jemand einen sehr kleinen Stern hineingerührt. „Na gut, schauen wir mal“, sagte Alfred und formte die ersten Rentierkekse.
Stunden später standen vier Bleche dampfender Köstlichkeiten auf dem Tisch. Jetzt war der Moment der Wahrheit gekommen. Alfred ging nach draußen zu den Stallungen, wo die Rentiere dösten. Das Leitrentier öffnete ein Auge und schnaubte skeptisch, als Alfred die Kekse präsentierte. „Neue Rezeptur“, sagte Alfred. „Und nein, kein Brokkoli.“ Das Rentier senkte vorsichtig den Kopf, schnupperte am ersten Keks… und verschlang ihn in einem Bissen. Dann sah es Alfred an. Ein sehr klares, erwartungsvolles „Mehr“. In wenigen Minuten war das ganze Blech leer. Alfred grinste zufrieden. „Mut“, murmelte er. „Wer hätte gedacht, dass das die Lösung ist?“ Plötzlich sah Alfred die leere Platte, schlug sich gegen die Stirn. „Na wunderbar. Das war das Blech für morgen Abend.“ Er drehte sich auf dem Absatz um, marschierte zurück in die Backstube und knetete erneut Rentierteig an. Diesmal mit einem etwas großzügigeren Löffel Mut. Während das neue Blech im Ofen knusprig wurde, murmelte er leise: „Hätte ich ja auch wissen müssen… hungrige Rentiere kennen kein Maß.“ Emil und Lina warteten bereits brav vor ihrem Blech. Jeder bekam einen Hundekeks. Lina schleckte sofort über den Boden, obwohl gar nichts hingefallen war. Emil stapfte stolz mit seinem Keks davon, als hätte er einen Orden gewonnen.
Alfred wischte den Tisch ab, verpackte die Kekse für alle Empfänger und atmete tief aus. „So. Backtag erfolgreich abgeschlossen.“ Er wollte gerade die Schürze abnehmen, als er blinzelte. Dann blinzelte er noch einmal. „Warum“, murmelte er, „ist schon wieder alles verschwommen?“ Er sah sich um, resigniert, genervt und müde zugleich. „Wunderbar. Jetzt ist auch noch die Brille verschwunden.“

8. Dezember 2025
Alfred und das große Puzzle-Chaos
Als Alfred an diesem Morgen das Türchen Nummer 8 öffnete, war er noch ganz entspannt. „Das wird heute ein ruhiger Tag“, murmelte er zufrieden, während er sich seine Wichtelweste zuknöpfte. Keine Sterne jagen, keine Motorsäge, keine Wunschzettelberge. Heute wollte er nur die Puzzles, die er für die Kinder vorbereitet hatte, ordentlich verpacken. Eine Routinearbeit, dachte er. Er ging zu seinem Arbeitstisch. Dort standen zehn kleine Kartons, sauber beschriftet. Jedes Puzzle, das dort in seinem eigenen Karton liegt, hat Alfred selber gemalt. Zumindest sollten sie dort liegen. Doch als Alfred den ersten Karton anhob, geschah es: Die ganze Stapelreihe kippte wie in Zeitlupe um. Ein Karton fiel auf den nächsten… und den nächsten… und plötzlich regnete es Puzzleteile. Es war ein einziges Durcheinander. Der Boden sah aus wie ein Farbenmeer, als hätte jemand alle Bilder geschreddert und gleichmäßig verteilt. „Nein, nein, nein!“, rief Alfred entsetzt. „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“
Genau in diesem Moment kamen Emil und Lina herangeschlendert. Die beiden Dalmatiner blieben stehen, sahen sich um und ihre Augen begannen zu leuchten.
Ein Meer aus kleinen, bunten Pappstückchen? Auf dem Boden verstreut? Das war für Hunde ungefähr so aufregend wie für Menschen ein Feuerwerk. „Nicht anfassen!“, warnte Alfred sofort. Lina setzte sich brav hin. Emil dagegen, tat genau das Gegenteil. Er drückte seine Nase in den Haufen, schnupperte begeistert und musste dann niesen. Ein einziges kräftiges „PFFFFT!“.
Puzzleteile flogen in alle Richtungen, manche blieben in Emils Ohren hängen, andere klebten an seiner feuchten Nase, einige sogar auf seinem Rücken. Alfred starrte ihn fassungslos an. Anton wäre an dieser Stelle vermutlich vom Stuhl gefallen vor Lachen. Alfred seufzte tief. „Gut, darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an.“
Er setzte sich auf den Boden und begann, die Teile einzusammeln. Erst sortierte er sie grob nach Farbe, dann nach Form, dann nach „sieht irgendwie nach Lina aus“ und „keine Ahnung, was das darstellen soll“. Zwischendurch kam Lina heran und legte vorsichtig ein einzelnes Puzzleteil vor ihn hin, so als würde sie sagen: Ich helfe dir. Ich bin der vernünftige Hund.
Emil war nun noch aufgeregter als vorher. Er hatte erkannt, dass auf manchem Puzzle sein Gesicht zusehen und nun der Boden offensichtlich voller kleiner Abbildungen von ihm selbst war. Mit stolzgeschwellter Brust rannte er zwischen den Teilen herum, schnupperte begeistert an den Bildern seiner eigenen Nase und sorgte dabei immer wieder für noch mehr Chaos. Immer noch mit vielen Puzzleteilen im Fell. Alfred musste zugeben: ganz süß sah das schon aus.
Als Alfred das erste Puzzle endlich fertiggestellt hatte, ein schönes Motiv von Emil und Lina, legte er es behutsam in die passende Schachtel. „Eins geschafft, noch neun.“
Die nächsten Puzzles gingen schneller. Manche Teile konnte er sofort zuordnen, andere machten ihn fertig. Ein besonders schwieriges Stück tauchte immer wieder an völlig anderen Orten auf. Emil hatte es im Maul herumgetragen, dann an Lina abgegeben, und am Ende lag es wie durch Zauberhand im Wassernapf.
„Du machst es mir wirklich nicht leicht“, sagte Alfred und nahm das durchnässte Teil heraus. Er trocknete es mit seiner Mütze. „So, jetzt bleibst du hier.“, sagte er zu Emil.
Nach und nach füllten sich die Kartons wieder, eine nach dem anderen.
Alfred arbeitete konzentriert, die Hunde schnarchten irgendwann erschöpft nebeneinander. Die Aufregung war ihnen wohl zu viel gewesen.
Als das letzte Puzzle endlich vollständig vor ihm lag, streckte Alfred die Arme in die Luft. „Geschafft! Und diesmal lasse ich die Kartons garantiert nicht mehr aus den Augen.“ Er verpackte das Puzzle, drückte den Deckel zu und schob es zu den anderen.
Dann stand er auf, klopfte den Staub von seiner Hose und sah Emil an. Der Hund trug immer noch ein einzelnes Puzzleteil auf seinem Rücken. „Na großartig“, brummte Alfred. „Welches Puzzle ist denn jetzt wieder unvollständig?“
Er nahm Emil das Puzzleteil vorsichtig ab und begann erneut zu vergleichen: Farben, Kanten, Muster. Nach einigen Minuten fiel ihm endlich ein, zu welchem Puzzle dieses Teil gehören musste. Er suchte es heraus, öffnete die Schachtel wieder und stellten mit großem Glück fest, dass er das richtige rausgesucht hat. Mit spürbarer Erleichterung legte er das Stück hinein, schloss die Schachtel zufrieden und stellte sie zurück zum Rest. „So“, sagte er „jetzt ist wirklich alles vollständig.“ Er sah sich um, bereit, sich eine sehr große Tasse heißen Kakao zu gönnen. Doch plötzlich runzelte er die Stirn. „Moment… wo ist eigentlich meine Brille?“

7. Dezember 2025
Alfred liest Wunschzettel
Als Alfred an diesem Morgen aufwachte und die kleine Tür Nummer 7 des Adventskalenders öffnete, wusste er sofort: Heute würde er nicht fertig werden, wenn er alles allein machte. Der Wunschzetteltag war jedes Jahr der anstrengendste und dieses Mal waren es so viele Briefe, dass das kleine Zimmer überall bedeckt war. Sogar an die Wand hatte Alfred welche hängen müssen.
Alfred hatte gestern aber schon vorgesorgt und im Wichteldorf angerufen und um Verstärkung gebeten. Pünktlich, wie Wichtel nun mal sind, klopfte es auch schon an der Tür. „Anton! Gut, dass du da bist“, sagte Alfred erleichtert.
Der kleine Wichtelfreund schob sich neugierig hinein und blickte beeindruckt auf den riesigen Adventskalender von innen. „Jedes Jahr staune ich wieder. Wie wundervoll du hier wohnst. Toll!“ Alfred lächelte stolz. „Komm, bevor wir starten, ich zeig dir alles.“ Er führte Anton durch die letzten 6 Tage und lies ihn auch bereits einen Blick hinter die noch verschlossenen Türchen blicken. Anton staunte. „Nun ist aber genug geschaut“, sagte Alfred. „Wir müssen uns an die Arbeit machen.“
Er führte Anton zurück zum Türchen Nummer 7, in dem sich nicht nur die ganzen Wunschzettel befanden, sondern auch drei nagelneue Holzkisten. Jede war sorgfältig beschriftet: SPIELZEUG, ABENTEUER und BÜCHER.
„Damit das Chaos nicht wieder so groß wird wie letztes Jahr“, erklärte Alfred.
Anton nickte anerkennend. „Du bist ja richtig organisiert.“
Vor dem Kalender hatten sich nun auch Emil und Lina platziert. Lina freute sich riesig über den neuen Wichtelfreund, während Emil etwas skeptisch schaute. „Emil“, sagte Alfred, „mein Freund ist auch dein Freund, entspann dich.“ Die beiden Dalmatiner hatten ein großes Interesse an diesem Wunschzetteltag, allerdings nicht aus Arbeitsgründen. Sie hatten längst bemerkt, dass manche Briefe mit glitzernden Stickern, süß riechenden Filzstiften oder klebrigen Bonbonresten verziert waren. Und wie Hunde nun mal sind, fanden sie genau das höchst spannend. Kaum hatte Anton den ersten Stapel Zettel gegriffen, standen Emil und Lina schon schwanzwedelnd daneben. „Nicht abschlotzen!“, warnte Alfred, da er die beiden gut kannte. Lina setzte sofort ihren „Ich habe doch NICHTS vor“-Blick auf. Emil gähnte demonstrativ und tat so, als wäre er rein zufällig in die Nähe der Wunschzettel gekommen. Alfred glaubte nicht eine Sekunde davon.
Die beiden Wichtel machten sich an die Arbeit. Zuerst sortierten sie die Wunschzettel in die altbewährten Kategorien: „Machbar“, „Schwierig, aber vielleicht“, und „Unrealistisch, aber niedlich“.
Schon der dritte Zettel landete in Letzterem: Ein Junge wollte einen eigenen feuerspeienden Drachen. „Klein oder groß?“, fragte Anton schmunzelnd. „Ist egal“, meinte Alfred. „Beides ist unpraktisch.“ Zwischendurch kamen immer wieder Zettel, die sie in die neuen Holzkisten sortierten. Ein Wunsch nach einem Zauberset, ab in Abenteuer, ein Buch über Meerjungfrauen, Bücher, eine große Feuerwehrstation, Spielzeug.
Währenddessen waren Emil und Lina in eine ganz eigene Mission vertieft.
Sie schlichen langsam, Zentimeter für Zentimeter, immer näher an die Wunschzettel heran. Alfred bemerkte es natürlich, tat aber so, als würde er nichts sehen, nur um herauszufinden, was genau sie vorhatten. Der Moment der Wahrheit kam unerwartet schnell: Lina steckte plötzlich ihre komplette Schnauze in das Türchen und zog triumphierend einen Wunschzettel heraus, der mit einem Bonbonrest daran klebte. Emil wollte ihn ihr sofort abnehmen und zog an der anderen Seite des Zettels. Es folgte ein leises Rrrtsch. „NEIN!“, rief Alfred und sprang auf. Doch es war zu spät. Der Zettel war nun zweigeteilt.
Anton hielt sich den Bauch vor Lachen. „Na wunderbar“, murmelte Alfred. „Jetzt müssen wir ihn zusammenpuzzeln, bevor der Weihnachtsmann denkt, ein Kind wünscht sich zwei halbe Dinge.“
Trotz der Missgeschicke kamen die beiden Wichtel gut voran. Anton war schneller im Lesen als Alfred, dafür war Alfred besser im Sortieren. Gemeinsam waren sie ein starkes Team, und der Stapel „Machbar“ wuchs stetig. Auch der Stapel „Unrealistisch, aber niedlich“ wurde beeindruckend hoch, mit Wünschen wie „ein eigenes Känguru“, „Schnee, aber nur freitags“ und „dass Gemüse nach Schokolade schmeckt“.
Als die Sonne langsam unterging, hatten sie alle Zettel gelesen und sortiert Alfred rieb sich die müden Augen. „Ich glaube, wir haben’s geschafft.“
„Ja“, bestätigte Anton und klopfte auf die drei Kisten. „Und das hier geht morgen direkt mit mir ins Wichtellager.“ Die Dalmatiner lagen inzwischen seelenruhig auf dem Teppich, erschöpft von ihrem unerlaubten Zettel-Klau. Alfred strich ihnen über die Köpfe. „Nächstes Jahr passe ich besser auf.“
Anton verabschiedete sich, machte sich auf den Weg zurück ins Wichteldorf, und Alfred begann aufzuräumen. Er griff nach seiner Liste, blätterte durch die Notizen und blieb ruckartig stehen. „Sag mal … hat jemand meine Brille gesehen?“

6. Dezember 2025
Alfred feiert den Nikolaustag
Als Alfred an diesem Morgen die Tür Nummer 6 des Adventskalenders von innen aufzog, roch es nach Zimt und warmem Holz. Heute war Nikolaustag und das bedeutete für ihn nicht nur Süßigkeiten, sondern auch Musik.
Alfred rieb sich die Hände, denn genau darauf hatte er sich seit Tagen gefreut: ein Nachmittag am Flügel. Und nicht irgendein Nachmittag, heute wollten ihn Theresa und Dominik besuchen, die genauso musikbegeistert waren wie er selbst.
Bevor er sich ans Musizieren machen konnte, musste Alfred aber erst einmal den Flügel vorbereiten. Der kleine Wichtel war da sehr penibel. „Ein Konzert ohne geputzte Tasten? Kommt gar nicht infrage!“, murmelte er und polierte jede einzelne Taste, bis sie spiegelte. Dann entstaubte er noch den Kronleuchter, den er sich extra dieses Jahr für die Stimmung aufgehangen hatte. Er würde später warm und weich leuchten – gerade richtig für Nikolausmusik.
Er war noch nicht ganz fertig, da hörte er ein leises Tapsen. Emil und Lina, die beiden Dalmatiner, streckten ihre Köpfe neugierig durch die Tür. Eigentlich waren sie heute nicht eingeplant, aber das kümmerte sie wenig. „Ihr wollt wohl schauen, ob es hier was Leckeres gibt?“, fragte Alfred.
Die beiden setzten sich prompt und blickten ihn mit einer Geduld an, die verdächtig nach Erwartung aussah. „Nix da“, sagte Alfred streng, aber nicht unfreundlich. „Heute wird musiziert, keine Hundekeksverkostung.“ Ich habe gehört, dass ihr bereits auf einem tollen Spaziergang wart und da gab es ordentlich Kekse und Lachscreme aus der Tube.
Kaum hatte er das ausgesprochen, klopfte es draußen an der Adventskalenderfassade. Theresa und Dominik standen vor der Tür, warm eingepackt und aufgeregt. Die beiden Hunde rannten sofort los, um sie zu begrüßen, und sorgten beinahe dafür, dass Dominik seinen Schal verlor.
„Alfred! Wir freuen uns so!“, rief Theresa, während sie den Flügel bewunderte.
„Ich mich auch“, sagte Alfred. „Setzt euch. Wir fangen gleich an.“
Alfred kletterte auf seinen Wichtelhocker vor dem Flügel, nickte den Kindern zu und schlug die ersten Akkorde eines bekannten Nikolausliedes an. Es klang weich und feierlich, und die Kinder stimmten sofort ein. Dominik hatte seine kleine Trommel mitgebracht, Theresa ihr Glockenspiel. Gemeinsam machten sie Musik, die sich warm durch das Türchen und hinaus in die Nachbarschaft zug. Die Kerzen flackerten im Takt, und sogar Emil und Lina legten sich ruhig hin, als würden sie lauschen.
Zwischendurch erzählte Alfred von früheren Nikolausabenden, wie er dem Weihnachtsmann beim Packen der Stiefel geholfen hatte oder wie er einmal fast in einen Wäschesack geklettert war, der gar nicht für ihn gedacht war. Die Kinder lachten herzlich, und Alfred freute sich über die Gesellschaft, die Adventszeit war nun mal schöner, wenn man sie teilte.
Nach einer Weile wurde es draußen langsam dunkler, und die Kerzen warfen goldene Kreise auf die Seiten der Notenblätter. Sie spielten ein letztes Lied: ein langsames, richtig feierliches Stück, das perfekt zum Nikolaustag passte. Als der letzte Ton verklang, blieb es einen Moment still. Dann klatschten die Kinder begeistert. „Es war sooo schön!“, rief Theresa. „Das machen wir nächstes Jahr wieder!“, ergänzte Dominik.
Alfred verbeugte sich spaßhaft tief, als wäre er ein großer Konzertpianist vor ausverkauftem Saal. „Sehr gern. Es war mir eine Freude.“
Nachdem die Kinder gegangen waren und Emil und Lina zufrieden in ihren Körbchen schnauften, machte Alfred die Kerzen vom Kronleuchter aus. Der Raum wurde sofort ein bisschen dunkler, aber warm fühlte er sich trotzdem an. „Ein gelungener Nikolaustag“, murmelte Alfred und seufzte zufrieden.
Er wollte gerade die Notenblätter zusammenräumen, da hielt er inne. „Moment mal …“. Er tastete sich über den Flügel, unter den Hocker, hinter die Kerzenleuchter. „Nicht schon wieder … Wo habe ich denn meine Brille hingelegt?“

5. Dezember 2025
Alfred putzt Schuhe
Als es Draußen schon hell war, öffnete sich das Türchen Nummer 5 im Adventskalender und Alfred trat hinaus. Heute hatte er endlich ausschlafen können. Den ganzen Tag im Bett verbringen konnte er dennoch nicht, schließlich hatte er heute allerhand vor, denn morgen war Nikolaus und dafür musste alles perfekt vorbereitet sein. Vor allem seine Schuhe. Und davon hatte ein Wichtel überraschend viele: „Ein Paar für die Werkstatt, eins für den Wald, eins fürs Fest, eins für die Rentiervorbereitung… und meine Hausschuhe natürlich“, murmelte Alfred. „Das wird ein langer Tag.“
Er packte seine kleine Holzkiste im Zimmer mit dem Schuhschrank aus. Darin: Bürsten, Lappen, ein Fläschchen Wichtel-Glanzpolitur, ein weiches Tuch zum Nachpolieren und ein paar glänzende Knöpfe, falls er spontan etwas verzieren wollte.Kaum hatte er alles sortiert, hörte er ein langgezogenes Gähnen. Und noch eins. Dann tappten zwei Dalmatiner immer noch verschlafen aus ihrem Körbchen: Emil und Lina. Sie hatten gestern zwar beschlossen, dass erneutes frühe Aufstehen überbewertet ist, aber heute entsprach es mehr ihrer Uhrzeit und Alfreds Herumgeräume weckte ihre Neugier.
Emil schnupperte an der Glanzpolitur, schüttelte sich und nieste so laut, dass Alfred erschrocken hochfuhr. „Um Gottes willen, Emil! Das ist Politur, kein Frühstück.“
Lina hingegen betrachtete sehr ernst die aufgereihten Schuhe. Sie setzte sich daneben und sah Alfred an, als wollte sie sagen: Das wird nie im Leben alles heute fertig. „Doch, doch“, sagte Alfred entschieden. „Heute wird nicht geschludert. Morgen kommt der Nikolaus. Wenn meine Schuhe da nicht in Hochglanz dastehen, schickt er mich wieder in die Grundausbildung für Wichtel.“
Er setzte sich an sein kleines Tischchen, auf dem er eine Tasse Tee vorbereitet hatte und überlegte sich einen Plan für den Tag. Mit dem schwarzen Paar Stiefel fängt er an und arbeitet sich dann Stück für Stück vor. Er nahm sich die Schuhe und begann zu schrubben. Emil beobachtete das Ganze mit einer Mischung aus Skepsis und Misstrauen, während Lina langsam immer näher rückte, bis sie schließlich die Pfote direkt neben dem Stiefel abstellte.
„Nein, Lina. Das ist keine Einladung. Du musst nicht helfen“, sagte Alfred. Lina ignorierte das natürlich, stupste mit der Nase gegen den Stiefel und prompt rutschte Alfreds Bürste ihm aus der Hand und landete in ihrem Fell. Sie sah ihn beleidigt an.
Emil hatte inzwischen Gefallen am ganzen Polier-Zeug gefunden. Er schlich sich an das Tuch heran, schnappte es sich und rannte los, als sei es das wertvollste Spielzeug der Welt. Alfred sprang auf. „Emil! Das ist mein Poliertuch!“
Es begann eine kurze, aber äußerst dynamische Jagd quer durchs Zimmer. Alfred hinterher, Lina bellend hinter beiden, und Emil stolz voraus, das Tuch im Maul wie eine Trophäe schwenkend. Nach drei Runden gab Emil auf, ließ das Tuch fallen und setzte sich hin, als wäre nichts passiert. Alfred hob das Tuch auf, klopfte es aus und seufzte. „Ihr seid wirklich keine große Hilfe. Aber zumindest haltet ihr mich auf Trab.“
Er machte weiter. Schuh für Schuh wurde poliert, gebürstet, gewachst und glänzend gerieben. Irgendwann zogen Emil und Lina gelangweilt davon, suchten sich etwas zu essen und tollten anschließend durch die Nachbarschaft.
Später am Tag schauten die beiden noch mal nach Alfred, der immer noch eifrig Schuhe polierte. Sie beschlossen Alfred den Rest des Tages Gesellschaft zu leisten.
Emil lag irgendwann eingerollt neben ihm und döste langsam weg. Lina blieb wacher, bewachte die Schuhe und legte jedes Mal die Pfote dazwischen, wenn Alfred zur nächsten Reihe greifen wollte. Als würde sie sicherstellen wollen, dass jedes Paar gleich viel Aufmerksamkeit bekommt. „Die Nikolaus-Schuhpolizei, hm?“ murmelte Alfred und schob ihre Pfote sanft zur Seite.
Nach einer guten Weile war Alfred dann endlich fertig. Vor ihm standen alle seine Schuhe sauber, glänzend und ordentlich aufgereiht und sortiert im Schuhschränkchen. Er trat zurück und strahlte: „Morgen kann er kommen. Ich bin bereit.“
Emil und Lina hoben ihre Köpfe. Lina gähnte so breit, dass Alfred kurz lachen musste. Emil tappte zu den Schuhen, schnupperte und nieste wieder. „Nicht reinpusten! Politur bleibt Politur!“
Alfred begann, alles aufzuräumen und verstaute Bürsten und Lappen. Dann klopfte er zufrieden seine Hände zusammen. „So. Jetzt noch schnell…“ Er griff an seine Weste. Dann in die Mütze. Dann in die Hosentasche. Dann in die andere. Dann in seinen Hocker. Dann an die Kiste. Er blieb stehen. „Nee. Ernsthaft? Schon wieder?“ Er seufzte und sah die beiden Dalmatiner an, die unschuldig zurückstarrten. „Wo ist denn jetzt meine Brille?!“

4. Dezember 2025
Alfred baut ein Lebkuchenhaus
Noch ehe die ganze Nachbarschaft ganz erwachte, öffnete sich das Türchen Nummer 4 und Alfred trat heraus. Heute war er besonders motiviert, denn auf seinem Plan stand das Basteln eines Lebkuchenhäuschens. Ein richtiges Wichtelhaus sollte es werden, nicht so ein halb eingestürztes Etwas, wie er es vor zwei Jahren zusammengekleistert hatte. „Heute wird’s ordentlich. Punkt.“ sagte er entschlossen, während er sich die Hände rieb. Er hatte vorgesorgt: Vor ihm stand ein kleiner Basteltisch, den er gestern bereits aufgebaut hatte. Darauf lagen alle Zutaten griffbereit; Lebkuchenplatten, eine Schüssel mit dickem Zuckerguss, Streusel, bunte Perlen, winzige Marzipanfiguren, und sogar zwei Löffel, falls einer wieder auf mysteriöse Weise verschwand.
Als Erstes sortierte Alfred die Lebkuchenplatten nach Größe. „Ordnung ist die halbe Miete“, murmelte er. Ein Satz, den er schon oft gesagt und noch nie wirklich gelebt hatte. Er stellte die erste Wand auf. Sie blieb stehen. Das war ein guter Anfang. Die zweite Wand rutschte direkt um. Alfred fing sie im letzten Moment auf. „Na komm schon, wir sind doch ein Team“, flüsterte er und drückte die Platte mit etwas mehr Zuckerguss an ihren Platz. Nach und nach entstand ein kleines, aber solides Häuschen. Zumindest bis zu dem Moment, als Alfred sich am Kopf kratzte und der Ärmel dabei in die Zuckergussschüssel tauchte. „Ach super“, murmelte er und hob den Arm hoch. Der Guss tropfte in dünnen weißen Fäden auf den Tisch und leider auch auf das Dach, das vorne noch gar nicht befestigt war. Die Dachplatte glitt in Zeitlupe über die Tischkante und landete direkt auf Alfreds Schuh. Er starrte sie an.
„Natürlich.“
Nach einem tiefen Seufzer hob er sie wieder auf, klopfte die Krümel ab und beschloss, das Dach diesmal kräftiger zu fixieren. Er nahm den Zuckerguss, als gäbe es kein Morgen mehr, strich dicke Wülste auf die oberen Kanten der Wände und setzte das Dach auf. Es hielt. Wackelig, aber es hielt. Zur Sicherheit lehnte Alfred zwei Zahnstocher als provisorisches Gerüst dran. Jetzt ging es an die Dekoration. Und das war seine Lieblingsaufgabe. Er setzte winzige Zuckersterne aufs Dach, klebte Schokolinsen um die Fenster und baute vor der Tür einen kleinen Schneehügel aus Puderzucker ganz ohne Schnee. Das Ergebnis konnte sich tatsächlich sehen lassen. Ein bisschen schief, ein bisschen schimmernd, ein bisschen klebrig – aber eindeutig mit Liebe gemacht.
Alfred hob das Häuschen behutsam hoch und trug es zum Adventskalender. Dort stellte er es in das Türchen Nummer 4, rückte es zurecht und trat einen Schritt zurück. „Perfekt.“ Er wollte gerade wieder an seinen Basteltisch zurück, als ihm auffiel, dass etwas fehlte. Etwas Wichtiges. Er ging zurück. Durchsuchte die Tischplatte. Hob die Zuckerschüssel an. Schaute sogar unter die Serviette. „Nee. Echt jetzt?“ Er griff sich an die Stirn, in die Mütze, in die Taschen. Nichts. „Nicht schon wieder … Wo ist denn jetzt meine Brille?!“ Und irgendwo, zwischen Streuseln, Zuckerguss und Lebkuchen, glitzerte etwas Verdächtiges aber das würde er erst später merken.

3. Dezember 2025
Alfred und der Sternenstaub
Noch bevor die ersten Lichter in den Häusern angingen, schlüpfte Alfred aus dem Türchen Nummer 3 des Adventskalenders. Er zog den Schal fester um seinen Hals. Die Luft war kalt und klar und sein Atem schwebte in kleinen Wölkchen vor ihm. Er sah kurz durchs Fenster zu Emil und Lina, die noch tiefschlafend bei ihrer Familie im Bett lagen. „Nee“, murmelte er. „Die beiden krieg ich heute früh ganz sicher nicht mit raus. Das erspar ich uns allen.“ Darum machte er sich allein auf den Weg zum Feld, unweit des Adventskalenders. Dort hatte er gestern Abend schon einiges vorbereitet. Er hatte einen Stuhl mit einem weichen Sitzkissen, eine große Tafel, auf der die aktuelle Sternenkarte aufgezeichnet war, mit dem Zusatz 'unverzichtbar seit 1742'. Für die Korrekturen hatte er sich bunte Stifte und sein präzises Wichtel-Teleskop mitgenommen. Und seinen Käscher, der aussah wie eine Mischung aus Schmetterlingsnetz und Zauberutensil, der durfte natürlich auch nicht fehlen.
Heute stand eine der wichtigsten Aufgaben an: Sternenstaub sammeln und die Karte für den Weihnachtsmann überprüfen. „Heute wird’s ernst“, murmelte Alfred. „Sternenstaub sammeln. Und die Sternenkarte vom Weihnachtsmann aktualisieren. Wenn ich da Mist baue, landet er Heiligabend womöglich im Gartenhaus von Familie Meyer statt im wohlig warmen Wohnzimmer. Und ich will nicht schuld sein, wenn die Rentiere im Dunkeln gegen eine Regentonne fliegen.“ Auf dem gepflügten Feld glitzerte der Frost. Alfred setzte sich erst einmal auf den Stuhl, probierte das Kissen aus und nickte zufrieden. Dann stellte er das Teleskop ein und suchte den Himmel ab. Die Sterne funkelten so hell, als begrüßten sie ihn persönlich. Einige schienen zu blinzeln, andere tanzten leicht. Sternenstaub fiel nur an Tagen, an denen die Sterne fröhlich waren, wie Alfred es nannte. Das bedeutete für ihn: heute war ein perfekter Tag.
Sternenstaub zu sammeln war allerdings nicht einfach. Man musste erst einen der Sterne fangen. Er wartete geduldig, bis einer der kleinen Funken am Himmel leicht flackerte, ein Zeichen dafür, dass er in wenigen Sekunden ein bisschen von seinem Staub abgeben konnte. „Da!“, rief Alfred. Er sprang auf, schnappte den Käscher und hielt ihn hoch. Tatsächlich landete ein winziger Stern darin. Er leuchtete so hell, dass der Käscher bunt schimmerte. „Na du Kleiner“, sagte Alfred stolz. „Jetzt schön stillhalten.“ Er öffnete behutsam das Netz, nahm einen feinen Pinsel und begann, den Sternenstaub abzutragen. Der Staub glitzerte in weiß, blau und rosa. Er rieselte vorsichtig in das Glas, das Alfred unter das Netz hielt. Der Stern selbst verschwand nach dem Abtragen wieder sanft in Richtung Himmel. „Danke!“, rief Alfred ihm nach. „Bis nächstes Jahr!“
So arbeitete er eine ganze Weile. Er fing mehrere Sterne, immer geduldig, immer vorsichtig. Sein Glas füllte sich langsam, bis er schließlich genug für die Schlittenroute des Weihnachtsmanns hatte. Dieser markierte am Heiligen Abend mit dem magischen Staub, wo er bereits gewesen war. Als das Glas voll genug war, setzte Alfred sich wieder auf seinen Stuhl, rieb sich die Hände warm und wandte sich der Sternenkarte zu. „So“, murmelte er. „Jetzt zu dir.“
Er blickte durchs Teleskop, dann zur Tafel, dann wieder hoch. Einige Sternbilder sahen aus wie immer, andere hatten sich leicht verschoben – besonders der Kleine Wagen, der offenbar beschlossen hatte, heute etwas näher beim Großen Wagen stehen zu wollen. „Immer diese Sterne, die sich nicht an die Regeln halten“, seufzte Alfred. Mit präzisen Strichen korrigierte er die Positionen auf der großen Tafel. Er wechselte Stifte, radierte, zeichnete, überprüfte und nickte schließlich zufrieden. „Perfekt. Der Weihnachtsmann kann sich auf mich verlassen.“ Er stand auf, streckte sich, packte Teleskop, Stifte und Glas ein und wollte gerade den Stuhl zusammenklappen, als er innehielt. Er griff in die linke Tasche. Nichts. In die rechte. Nichts. In die Brusttasche, den Rucksack, sogar unter das Sitzkissen. „Ach nöö … nicht schon wieder!“ Er drehte sich einmal im Kreis, schaute in den Himmel und stöhnte entnervt: „Wo ist denn jetzt meine Brille?“

2. Dezember 2025
Alfred und der Weihnachtsbaum
Noch war es draußen ganz still, als das Türchen Nummer 2 im Adventskalender aufsprang und Alfred hinaustrat. Es war früh, viel zu früh für alle, die nicht ausdrücklich beschlossen hatten, ein Wichtel zu sein. Er streckte sich, gähnte und sah sich um. Nur feuchte Erde, ein bisschen Nebel und das gedämpfte Licht eines viel zu frühen Morgens. „Na großartig“, murmelte Alfred. „Und ich wette, Emil und Lina schlafen noch.“ Genau so war es. Die beiden Dalmatiner lagen eingerollt in ihren Körbchen und taten so, als hätten sie Alfred nicht gehört. Erst als er kräftig an ihre Fensterscheibe klopfte, hoben sie träge die Köpfe. Emil blinzelte empört, Lina streckte sich langsam und überdeutlich. Frühaufsteher waren sie beide definitiv nicht. „Los, meine Schlafmützen“, sagte Alfred. „Heute holen wir den Weihnachtsbaum.“
Der Wald lag still vor ihnen. Die Blätter raschelten noch vom nächtlichen Tau und Alfred stapfte entschlossen voran. Emil schnaufte begeistert und stieß die Nase in eine Spur, die vermutlich einfach nur seine eigene war. Lina hingegen blieb dicht bei Alfred und musterte aufmerksam jeden Busch, jeden noch gefrorenen Grashalm und jeden verdächtigen Zapfen, der vom Ast hing. Alfred prüfte eine Tanne nach der anderen. Die erste war ihm zu krumm, die zweite zu groß, die dritte zu pieksig und die vierte … na ja, die war eigentlich ganz gut, bis Emil dagegen rannte und der Baum plötzlich die Hälfte seiner Nadeln verlor. „Also die nicht“, brummte Alfred, während Emil sich schüttelte.
Schließlich fanden sie eine kleine, kräftige Fichte, die genau so war, wie Alfred sich sie vorgestellt hatte. „Dich nehme ich“, sagte Alfred und klopfte freundlich gegen den Stamm. Emil schwang begeistert den Schwanz und Lina setzte sich ordentlich hin, als wollte sie sagen: Endlich eine Entscheidung. Alfred hatte dieses Jahr eine klare Strategie: keine winzige Wichtelsäge oder Axt mehr. Dieses Jahr hatte er vorgesorgt. Er zog grinsend eine kleine Wichtel-Motorsäge aus seinem Rucksack. „Ich hab‘ gelernt aus den Mühen vom letzten Jahr.“ Alfred setzte an, die Motorsäge knatterte los, vibrierte wie ein schlecht gelaunter Waschbär und schnitt den Baum in einem sauberen Zug um. Ein perfekter Fall, keine Panne, kein Chaos. „Seht ihr, easy“, sagte er stolz. Zum Transport hatten sie einen Holzschlitten dabei. Ohne Schnee war das natürlich ein Problem. Aber Alfred wäre nicht Alfred, hätte er nicht einen Plan B: Die Hunde sollten ziehen.
Emil und Lina bekamen ihre Geschirre an und legten sich ins Zeug. Der Schlitten ruckelte und schlitterte über den Boden, kratzte, hakte an Wurzeln und machte ächzende Geräusche, als würde er bald brechen. Die Hunde zogen trotzdem tapfer. Alfred lief vorneweg, dirigierte, lobte, stolperte zweimal über seine eigenen Füße. Als er sich wieder aufrappelte, liefen die beiden Dalmatiner leichtfüßig neben ihm her. Der Schlitten schien plötzlich viel leichter geworden zu sein. Die Hunde schauten sich verwirrt an, wurden dann mit Alfred langsamer und blieben stehen. Alfred drehte sich um und sah, dass der Schlitten inzwischen ohne Baum fuhr. Der Baum lag gute zehn Meter weiter hinten, in einer schlammigen Mulde. Offenbar hatten die beiden so viel Kraft entwickelt, dass der Schlitten einfach unter dem Baum hervorgezogen wurde. „Ihr seid doch nicht zu fassen!“, rief Alfred und rannte zurück, um den Baum wieder aufzuladen. Emil hüpfte freudig hinter Alfred her und umkreiste ihn mehrmals. Lina konnte all die Aufregung nicht verstehen… zu früh, es war noch immer viel zu früh.
Mit vereinten Kräften schafften sie es schließlich bis zum Adventskalender zurück. Der Baum hatte ein paar Matschflecken abbekommen, Alfreds Mütze hing schief und Emil hatte unterwegs noch einen Stock eingesammelt, den er für extrem wichtig hielt. Lina war einfach nur froh wieder zurück zu sein. Sie konnte förmlich hören, wie ihr warmes Körbchen nach ihr rief. Alfred stellte den Baum zurecht, trat zufrieden zurück und griff sich an die Hosentasche, dann an die andere… dann an die Brusttasche und schließlich in den Rucksack. „Ach nein… nicht schon wieder…“ Er seufzte tief. „Wo ist denn meine Brille?“

1. Dezember 2025
Alfred zieht ein
Noch war es draußen ganz still, als sich im Adventskalender ein leises „Blong“ hören ließ. Die kleine Tür zum 1. Dezember wackelte kurz und schwupps stand Wichtel Alfred wieder da. Mit rosigen Wangen, glitzernden Augen, einem viel zu großen Rucksack und vier Koffern, die allesamt fast größer waren als er selbst. „Endlich wieder Advent!“, rief er fröhlich, während er sich durch den Türrahmen schob und seine Sachen abstellte. Letztes Jahr hatte er hier so viele wunderbare Abenteuer erlebt, dass er es kaum erwarten konnte, wieder einzuziehen. Und diesmal hatte er besonders viel Gepäck dabei: geheimnisvolle Pakete, glänzendes Werkzeug, funkelnde Lichterketten und irgendwo darin versteckt sogar ein Teleskop.
Er sah sich um, als würde er prüfen, ob alles noch so war, wie im vergangenen Jahr. Und tatsächlich, da stand sein kleiner Lieblingssessel, sorgsam zurechtgerückt. Es hat sich gelohnt, dass er sich bei Emil und Lina vorher angemeldet hat. Die beiden Dalmatiner scheinen schon alles für ihn vorbereitet zu haben. Alfred klopfte den Staub von seinem Mantel, zog seine Mütze und Stiefel aus und marschierte schnurstracks auf den Sessel zu.
Ihm wurde bereits ganz warm ums Herz. Bevor er sich jedoch niederlassen konnte, entfachte er sich das Kaminfeuer mit einem kleinen magischen Pustehauch und stellte seinen Wasserkessel auf den Ofen. Jetzt brauchte er eine schöne Tasse Zimttee. Die Flammen loderten sofort auf, warm, fröhlich und ein bisschen so, als hätten sie extra auf ihn gewartet. „Ach, wie schön wieder hier zu sein“, murmelte Alfred, während er sich die Decke auf dem Sessel ausbreitete. Draußen klopfte der nasse Winter an die Fenster und der Adventskalender schien vor Erwartung zu knacken.
Alfred ließ den Blick durch das Türchen schweifen. Überall standen seine Sachen und Koffer, Bücher, Werkzeuge und bereits ein kleiner Weihnachtsbaum. Der Rucksack hatte sich so weit bereits selbst aufgeräumt, die Koffer wird er aber noch in Ruhe ausräumen müssen. „Das wird ein arbeitsreicher Advent“, stellte Alfred zufrieden fest. „Der Weihnachtsmann hat dieses Jahr besonders viele Wünsche auf der Liste. Und ich habe Pläne, die glänzen heller als die Christbaumspitze!“ Er öffnete einen seiner Koffer und förderte winziges Bastelzubehör zutage, die er bereits für die Wünschewerkstatt vorbereitet hatte. Daneben lagen kleine Päckchen mit Zauberstaub, den er brauchte, um die Wünsche der Kinder zum Leuchten zu bringen. Ein paar funkelnde Glitzerkugeln kullerten über den Boden und verschwanden unter dem Teppich. „Oh je, das fängt ja gut an“, seufzte Alfred und kroch kurz hinterher, ohne Erfolg. „Naja, die finde ich später wieder oder ich lasse Emil und Lina einfach morgen danach suchen.“ Er richtete sich auf, streckte sich und schmunzelte. „Vielleicht bauen wir dieses Jahr mal ein Lebkuchenhaus oder wir gehen wieder Schlittenfahren… oder, ach… es wir alles toll werden bei der Vorbereitung für Weihachten.“ Er kicherte leise. Wenn er anfing, sich auszumalen, was alles möglich war, konnte er gar nicht mehr aufhören. Die Vorfreude zog in ihm auf wie ein helles Licht.
Der Kalender knackste erneut, als würde er selbst einatmen und sich freuen. Die Dunkelheit draußen wurde langsam weniger, weil der nächste tag anbrach, der Kamin flackerte aber noch immer gemütlich und gab eine wohlige Wärme von sich. Alfred kuschelte sich nun tief in seinen Sessel, nahm einen Schluck Zimttee und schloss für einen Moment die Augen. „Jetzt geht sie wieder los“, murmelte er zufrieden. „Die wundervolle, geheimnisfunkenklirrende Vorweihnachtszeit.“
Er legte die Hände auf seinen Bauch. Seine Gedanken schweiften zu allen Kindern, die sich schon auf den Advent freuten. „Ich hoffe, sie sind bereit für ein bisschen Zauber“, sagte er leise. „Denn dieses Jahr wird besonders.“ Dann öffnete er abrupt die Augen, sah sich um und runzelte die Stirn. Irgendetwas fehlte. Er spürte es. Irgendetwas Wichtiges. Er schlug die Decke zurück, beugte sich nach vorn, schaute unter den Sessel, in seine Manteltaschen, sogar in die Tasse Zimttee – nichts. „Ach herrje“, brummte Alfred schließlich und kratzte sich am Kopf. „Wo habe ich denn schon wieder meine Brille gelassen?“
























